Kommentar

Umfragen pulverisiert und ein historisches Tabu gebrochen: Trump zeigt's nochmals allen

Auftritt Trump um 2 Uhr in der Wahlnacht: «Wir haben gewonnen.»

Auftritt Trump um 2 Uhr in der Wahlnacht: «Wir haben gewonnen.»

Donald Trump hat viel besser abgeschnitten als erwartet. Wie war das möglich? Dass der Präsident – wohlkalkuliert – den Sieg verkündet und von Wahlbetrug spricht, löst Ängste vor Unruhen aus.

2016 darf sich nicht wiederholen – da waren sich alle einig: Journalisten, Politologinnen und Umfragespezialisten.

2016 hatten die Forschungsinstitute zwar mehr oder weniger korrekt vorausgesagt, dass Hillary Clinton landesweit mehr Stimmen holen würde als Donald Trump, doch in den entscheidenden Wackelstaaten (Swing States) lagen sie daneben. Und so trug der Republikaner den Sieg davon, gegen alle Wahrscheinlichkeit.

Im Ergebnis wird sich 2016 wohl nicht wiederholen: Joe Biden dürfte das Rennen machen, auch wenn formell noch vieles unklar ist. Und doch fühlt sich vieles wieder an wie vor vier Jahren.

Trump hat landesweit, aber vor allem in den Swing States viel besser abgeschnitten als vorausgesagt. Landesweit betrug sein Rückstand in den letzten Umfragen im Durchschnitt 10 Prozentpunkte. Effektiv waren es am Mittwochabend aber nur 2 Prozentpunkte zu Gunsten von Biden (50 zu 48 Prozent).

Die Erwartungen weit übertroffen

Obwohl sich der Vorsprung des Demokraten mit der Auszählung der letzten brieflichen Stimmen noch vergrössern könnte: Trump hat die Erwartungen weit übertroffen. Die grossen Staaten Florida und Texas eroberte er ziemlich locker, hier deuteten die Umfragen einen Sieg von Biden an.

Manche Republikaner reagierten mit Häme. Senator Lindsey Graham sagte:

Die Überraschung war umso grösser, als dass die Coronapandemie, die Trump als Amtsinhaber nach aller Logik schaden müsste, gerade im mittleren Westen zurzeit wütet wie wild. Die Neuinfektionen erreichten in den vergangenen Tagen neue Höchstwerte. In den Medien waren sie so präsent wie die Wahlen. Dennoch schnitt Trump in vielen Bezirken gar besser ab als 2016.

Die Demokraten wussten, dass Trump alles tun würde, um auf juristischem Weg einen Biden-Sieg in Frage zu stellen; das «Wahlbetrug»-Narrativ hatte er über Wochen entwickelt.

Eigentlich hätte die Wahlbetrugs-Story versanden müssen

Die Erwartung der Opposition war aber, dass es gar keine Rolle spielen würde, wenn im einen oder anderen Staat die brieflichen Stimmen zu gerichtlichen Auseinandersetzungen führen würden – da die «blaue Welle» alle Diskussionen über den wahren Sieger sofort im Keim ersticken würde. Das ist nicht passiert.

Womöglich war auch Trump selbst von seinem Ergebnis überrascht. Er, der gemäss Buchautor Michael Wolff («Feuer und Zorn») schon 2016 nicht mit einem Sieg gerechnet hatte, nutzte in der Nacht auf Mittwoch die Gunst der Stunde und erklärte kurzerhand den Sieg – wohlkalkuliert in dem Moment, als es in Swing States wie Wisconsin, Michigan und Pennsylvania gerade sehr gut für ihn aussah. Dies war nach Auszählung von 70 bis 90 Prozent der Stimmen der Fall.

Trump (oder seine Berater) wussten aber genau, dass sich dies noch ändern musste, denn die brieflichen Stimmen werden je nach Staat erst später gezählt, und es ist bekannt, dass Demokraten häufiger als Republikaner brieflich abstimmen. Dadurch war fast zwingend, dass Trumps Vorsprung in jenen Staaten schmelzen würde, und das tat er dann im Laufe des Tages auch. Aber eben, da hatte der Amtsinhaber bereits den Sieg verkündet und bei den ihm treu ergebenen Amerikanern, die nur ihm glauben, die Erwartung zur Gewissheit verbogen.

Der Tabubruch - erwartbar und doch schockierend

Es war um 2 Uhr in der Nacht (Washington-Zeit), als Trump im East Room des Weissen Hauses erklärte, er liege in sämtlichen wichtigen Staaten vorne. Der Präsident behauptete, er gewinne «alles» und habe sich bereits auf die Wahlfeier gefreut. Der politische Gegner – also Joe Biden und die Demokraten – habe sich aber dazu entschieden, die Auszählung der Stimmen abzubrechen und vor Gericht zu ziehen – weil die Demokraten zum Schluss gekommen seien, nur so könnten sie noch gegen Trump gewinnen. Trump sagte:

Er werde, so der Präsident weiter, mit einer Klage vor dem Supreme Court alles daransetzen, dass die Demokraten ihm den Sieg nicht stehlen würden. Die Behauptungen Trumps entbehrten jeder Grundlage. Er verbreitete sie aufgrund von blossen Zwischenresultaten, und Hinweise auf Wahlbetrug gab und gibt es keinerlei. USA-Kenner Erich Gysling, Ex-Chefredaktor des Schweizer Fernsehens, sagte in der Wahl-Sondersendung auf TeleZüri, einen solchen Auftritt eines Präsidenten mitten in einer Phase, wo noch so vieles unklar sei, erachte er als historisch einmalig. Gysling, 84, verfolgt die US-Wahlen seit den 1960er-Jahren.

Ein Zündholz in einer hochexplosiven Situation

Mit seinen Aussagen unterminierte Trump die Glaubwürdigkeit in die Integrität der Wahlen – ein hochproblematischer Vorgang in einer Demokratie. Das bereite gar das Terrain für mögliche gewaltsame Proteste, hiess es. Fox-News-Moderator Chris Wallace kritisierte, Trump habe in eine hochexplosive Situation ein brennendes Zündholz geworfen. Aber eben: Trump blieb Trump, auch in der Wahlnacht.

Voreilig den Sieg zu erklären und Wahlbetrug zu erfinden – überraschen konnte das eigentlich niemanden. Joe Biden hatte es wohl vorausgesehen, jedenfalls schrieb er auf dem Kurznachrichtendienst Twitter noch vor Trumps Auftritt, es sei weder an ihm noch an dem Präsidenten, sich zum Sieger zu erklären. Dies sei Aufgabe der Wähler.

Anders als 2016 nimmt auch niemand mehr an, dass sich Trump ändern wird; damals wurde noch da und dort vermutet, das Amt könne ihn «präsidial» machen. Doch gerade, dass er geblieben ist, wie er immer war, haben seine Wähler geschätzt. Die 40 Prozent der Bevölkerung, die er – praktisch unverändert – über die ganzen vier Jahre hinter sich wusste, gingen überdurchschnittlich fleissig an die Urne.

Die Wahlbeteiligung erreichte rekordverdächtige Höhen. Politologen erklärten die fehlbaren Prognosen auch damit: Trump habe in der Schlussphase hervorragend mobilisiert, mit unzähligen Wahlkampfveranstaltungen bis zur letzten Stunde in den Swing States.

Joe Biden schien die Puste auszugehen

Biden hingegen schien am Schluss die Puste auszugehen. Seine potenzielle Wählerbasis war mit 60 Prozent zwar deutlich grösser als die von Trump, aber weniger «geladen», weniger motiviert.

Über eigentliche Fans, die mit Fahnen und Autocorsos durch die Städte ziehen, verfügt einzig Trump. Viele seiner Anhänger – die «vergessenen Leute», wie er sie nennt – sind dankbar dafür, dass er ihnen eine Stimme gibt und dass es manchen von ihnen wirtschaftlich besser geht als vor vier Jahren.

Trotzdem dürfte es am Ende gereicht haben für Joe Biden. Noch-Präsident Trump wird auf alle Arten weiterkämpfen, politisch und juristisch. Die grosse Frage aber wird sein: Wenn nichts mehr zu machen ist, was wird dann aus Trump und seiner Partei? Die nächsten Tage werden eine erste Vorahnung darauf geben.

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