Jetzt wollen sie am liebsten nichts mehr mit Muammar Gaddafi zu tun haben, die Firmen, Treuhänder und Anwälte, die während Jahren mit seinen libyschen Vasallen munter geschäfteten.

Auch die internationale Gemeinschaft in der UNO verlangt nun, unverzüglich alle finanziellen Ressourcen einzufrieren, bei denen der Gaddafi-Clan die Finger im Spiel hat.

Die Einsicht kommt reichlich spät. Noch 2010 wurde Libyen auf Vorschlag von Algerien, ein weiteres Diktatoren-Regime, in den UNO-Menschenrechtsrat aufgenommen. Und das, obwohl Libyen Menschenrechte seit Jahren mit Füssen trat.

Auch für die Bekämpfung von Migranten war Libyen ein willkommener Partner. Die EU-Grenzschutz-Agentur Frontex macht die EU-Aussengrenzen dicht, sie übernimmt die klassischen Aufgaben der früher national tätigen Grenzpolizisten.

Frontex kann selbständig Abkommen mit ähnlichen Organisationen schliessen, die ausserhalb der EU stehen. Dies geschah etwa mit Senegal oder Mauretanien. Damit verlagert der alte Kontinent die Grenzenbalken elegant vor.

Überfüllte Zellen, kaum Toiletten

Diese Strategie hat seit längerem System. Italien etwa unterzeichnete mit Gaddafi schon 2000 ein erstes Kooperationsabkommen. 2004 und 2005 half Italien beim Bau von Flüchtlings-Auffangslagern in Libyen und lieferte dem Land Grenzschutz Ausrüstungs-Material. Dies, obwohl das Land nicht einmal die Genfer Flüchtlingskonvention (GFK) anerkannte.

Die Bedingungen in diesen Anstalten sind zum Teil unerträglich: Überfüllte schmutzige Zellen und kaum sanitäre Anlagen sind Realität. Auch Telefone existierten in den Lagern nicht - so waren die Insassen völlig von der Aussenwelt abgeschnitten.

Seither unterhielt Italien in Libyen Flüchtlingslager, in denen sich schätzungsweise 500'000 bis 1 Million Personen aufhalten, die ungültige Papiere haben.

Willkommener Pufferstaat

Libyen fungiert für die EU als Pufferstaat, in dem Flüchtlinge und Migranten daran gehindert werden, in der EU vorstellig zu werden. Dafür verlangte der Wüstenstaat von der EU Ausrüstungsmaterial. Die EU-Finanzierung der Flüchtlingslager und des technischen Know-Hows führte in Libyen auch zu politischem Druck, selbst gegen Flüchtlinge vorzugehen.

Über 2 Millionen Illegaler in Libyen

Offizielle Schätzungen gingen 2008 davon aus, dass sich bereits 2 Millionen illegaler Einwanderer in Libyen aufhalten, etwa aus Sudan, Nigeria oder Kamerun..

Die Bemühungen der EU waren von Erfolg gekrönt. Nach einem Abkommen mit Libyen hatte 2009 in den ersten Monaten in Italien die Zahl der Flüchtlinge markant abgenommen.

Dabei gibt es Hinweise, dass im Mittelmeer aufgegriffene Personen ohne Überprüfung ihres Flüchtlingsstatus nach Libyen gebracht wurden. So berichtete das UNHCR von einem Vorfall im Juli 2009, als 82 Personen aufgegriffen wurden.

Man verfrachtete sie auf ein libysches Schiff und steckte sie in libysche Haftanstalten, obwohl die Mehrheit der Personen Anspruch darauf gehabt hätte, unter internationalen Schutz gestellt zu werden. Laut UNHCR wurden bis Mitte 2009 900 Menschen auf dem Seeweg ohne Klärung des Flüchtlingsstatus' vor allem nach Libyen verfrachtet.

Die Organisation «Ärzte ohne Grenzen» prangerte schon 2005 die «extrem gewalttätigen Abwehrmassnahmen» der libyschen Grenzschutzbeamten an. Interessiert hat dies in Europa niemanden, Gaddafi war ein treuer Partner.