François Hollande landete gestern Montagmorgen mit dem Helikopter am Ärmelkanal, um sich dann in der französischen Hafen- und Fährstadt Calais mit einem langen Tross aus Ministern, Präfekten und Sicherheitsleuten zu bewegen. Das eigentliche Objekt der Kurzvisite, das Flüchtlingslager an der östlichen Stadtgrenze, liess der Staatschef allerdings links liegen. Er legte vielmehr den Grundstein für einen Hafenausbau und traf Gewerbetreibende, die ihm ihr Leid klagten, weil sie wegen des touristischen Imageverlustes durch die Flüchtlingskrise bis zu 30 Prozent an Umsatz eingebüsst haben.

In einer Ansprache bekräftige Hollande indessen, dass der «Dschungel», wie das Lager genannt wird, «endgültig und vollständig» geschlossen werde. Er drängte darauf, dass «auch die britischen Behörden ihren Teil zur humanitären Anstrengung beitragen», ohne genauere Forderungen zu stellen. Die Regierung in Paris werde jedenfalls «mit Methode, Entschlossenheit und Sinn für das Menschliche» vorgehen, sagte Hollande. Vor der Schleifung werde das berüchtigte Camp vollumfänglich evakuiert werden.

Ein Datum für die Schliessung nannte Hollande nicht. Innenminister Bernard Cazeneuve hatte allerdings schon im Vorfeld erklärt, die Räumung solle bis Ende Jahr abgeschlossen sein. Hollandes Berater liessen gestern durchblicken, dass die Operation wohl schon im Oktober durchgeführt werde. Das begrüssen nicht nur die Einwohner von Calais, sondern auch die anwesenden Hilfswerke: Sie meinen, ein weiterer Winter sei für die Flüchtlinge, deren Zahl sich seit dem Frühjahr auf 10 000 verdoppelt hat, schlicht unzumutbar.

Wohin mit den Flüchtlingen?

Die Räumung kann allerdings erst beginnen, wenn für sämtliche Flüchtlinge – darunter mindestens 1000 Frauen und Kinder – ein zumindest provisorischer Aufnahmeplatz gefunden ist, wo sie ein Asylgesuch stellen können. Cazeneuve hat die Präfekturen in ganz Frankreich angewiesen, so schnell wie möglich Asylplätze zu schaffen. Knapp 5000 Plätze sollen bereit stehen. Viele «Dschungel»-Bewohner wollen aber gar nicht in Frankreich bleiben, sondern nach England übersetzen, wo sie Familie haben oder bessere Arbeitsbedingungen zu finden hoffen.

Zudem mehren sich die Proteste und Widerstände betroffener Aufnahmeorte. Vor allem Landgemeinden lancieren Petitionen gegen die Schaffung von Asylzentren. Dahinter steht zum Teil der rechtsextreme Front National, dessen Präsidentschaftskandidatin Marine Le Pen eine Aktion «Meine Gemeinde ohne Migranten» gestartet hat.

Der Interimsvorsteher der konservativen Les Républicains, Laurent Wauquiez, warnt seinerseits vor der Bildung von «Mini-Calais im ganzen Land». Wauquiez’ Mentor Nicolas Sarkozy hatte die Hafenstadt bewusst ein paar Tage vor Hollande besucht. Gestern erklärte er, er sei durchaus für die Schliessung des Lagers. Als Ersatz solle Frankreich aber keine Asylzentren schaffen, sondern die Grenzen kontrollieren. Der Ex-Präsident, der bei den Präsidentschaftswahlen 2017 erneut antreten will, erklärte ferner, wenn er die Wahl gewinne, werde er die illegalen Ausländer ausweisen: «Den Dschungel zu leeren, ohne die Grenzen zu schützen und die Illegalen auszuweisen, würde bedeuten, dass die Situation in sechs Monaten noch schlimmer wäre.»

Briten bauen eine Mauer

Das Flüchtlingsdrama in Calais wird damit vollends zu einem zentralen Wahlkampfthema. Hollande muss alles daransetzen, damit seine Ankündigung auch wirklich umgesetzt wird. Die Briten scheinen den französischen Versprechungen jedenfalls keinen Glauben zu schenken: Sie lassen beim Fährhafen Calais mit französischer Billigung seit gut einer Woche eine vier Meter hohe und einen Kilometer lange Mauer bauen. Sie soll die Flüchtlinge daran hindern, auf die Richtung Fährhafen vorbeifahrenden Lastwagen aufzuspringen.