Nach dem Referendum

«Über den Brexit sprechen bringt nur Unfrieden» – Grossbritannien ist gespaltener denn je

Sturm vor dem Parlament in London: Der Union Jack und die EU-Flagge der Brexit-Gegner zappeln im Wind, drinnen rauchen die Köpfe der Parlamentarier.

Sturm vor dem Parlament in London: Der Union Jack und die EU-Flagge der Brexit-Gegner zappeln im Wind, drinnen rauchen die Köpfe der Parlamentarier.

Drei Jahre nach dem Brexit-Referendum ist Grossbritannien gespaltener denn je – bis hinein in Familien und Freundeskreise.

Als Phil Manley aufwuchs, wurde in seiner Familie nie viel über Politik geredet. Auch im Gespräch mit Freunden im Pub hielt sich der IT-Berater und Vater von drei Kindern aus dem südenglischen Küstenstädtchen Christchurch zurück: «Ich hörte zu, aber ich hatte keine starken Meinungen.»

Der Brexit hat alles verändert. Im Pub wurde in den Wochen nach Grossbritanniens knapper Austrittsentscheidung mit 52 zu 48 Prozent im Juni 2016 von kaum etwas anderem gesprochen, «und das ist auch so geblieben». Vor allem aber erlebte Manley im engsten Umfeld einen Schock: Seine Eltern, heute 75 und 74 Jahre alt, hatten für den Austritt (Leave) gestimmt, während er selbst sein Kreuz bei Remain, dem EU-Verbleib, gemacht hatte. «Ich konnte das gar nicht glauben», erinnert sich der mit der Deutschen Babs Gierlichs zusammenlebende Engländer an diesen Moment. «Ich sagte: Ihr habt halb-deutsche Enkelkinder, eine deutsche Schwiegertochter. Wie könnt Ihr für den Brexit stimmen?»

Phil Manley (rechts) geht mit seiner deutschen Frau Babs Gierlichs (zweite von rechts) und den gemeinsamen Kindern gegen den Brexit demonstrieren.

Phil Manley (rechts) geht mit seiner deutschen Frau Babs Gierlichs (zweite von rechts) und den gemeinsamen Kindern gegen den Brexit demonstrieren.

Die ungläubige Frage von Christchurch wurde landesweit bestimmt hunderttausendfach gestellt. Allerorten hat der Brexit Familien und Freundeskreise entzweit, Beziehungen und Ehen gesprengt. Wie im Privaten, so auch im Politischen: Während England und Wales mehrheitlich den EU-Austritt befürworteten, wollten Nordirland und Schottland im Brüsseler Club bleiben. London Remain, Birmingham Leave, Liverpool und Manchester Remain, Sheffield und Sunderland Leave – der Riss geht quer durchs Land. Das Zusammensein mit seinen Eltern, sagt Phil Manley, fühle sich jetzt oft «uncomfortable» an, irgendwie ungemütlich.

Im kürzlich erschienenen Roman «Middle England» hat Jonathan Coe die ätzende Wirkung der Volksabstimmung auf das Privatleben seiner Landsleute satirisch verarbeitet. Zwei der Hauptfiguren, Sophie und Ian, trennen sich nicht zuletzt wegen unterschiedlicher Auffassungen über Grossbritanniens Position im politischen Europa.

Rechts von Dschingis Khan

Daran würden Lucy und Frank Silver nicht einmal im Traum denken. Vorsichtshalber sperrte das Londoner Paar die Politik aus ihrer über 30-jährigen Ehe aus: «Wir haben uns immer verheimlicht, für welche Partei wir bei Wahlen gestimmt haben», erinnert sich die pensionierte Schulsekretärin, 61, lachend. Dass es Unterschiede gab, lag auf der Hand: Während Lucy aus einer linksliberalen Familie stammt – ihr Vater sass für die Liberalen und für Labour im Unterhaus –, steht der 64-jährige Frank rechts der Mitte. «Lucy verortet mich irgendwo rechts von Dschingis Khan», glaubt der Immobilienhändler.

Lucy Silver fühlte sich «hin- und hergerissen», machte am Ende aber doch ihr Kreuz bei Remain: «Ich fand, es sei besser, die nötigen Veränderungen von innen her zu machen.» Mit dem Status Quo war sie ebenso wenig zufrieden wie ihr Mann: Frank Silver beklagt das demokratische Defizit der EU und wehrt sich gegen die vielen Verordnungen aus Brüssel. Er wollte den Austritt – und stand damit in Familie, Nachbarschaft und Freundeskreis ziemlich allein: Die Silvers leben im Wahlkreis des Labour-Chefs Jeremy Corbyn, Islington stimmte mit Dreiviertelmehrheit für Remain. «Ich versuchte andere von meiner Meinung zu überzeugen. Aber meine Stammtischbrüder waren alle für Europa, da war ich der einzige.» Wenn das Paar heute zum Abendessen eingeladen wird, steht eines fest: «Lass uns lieber nicht über den Brexit sprechen. Das stiftet nur Unfrieden.»

Wissenschaftliche Studien unterstreichen die Sprachlosigkeit. Die Wählerschaft sei vom Brexit stark verändert, fasst Anand Menon die Ergebnisse einer Studie «Brexit und die öffentliche Meinung» des Thinktanks Britain in a changed Europe zusammen: «Die Brexit-Identität hat stärkere soziale und emotionale Macht als die Zuordnung zu Parteien.» John Curtice von der Uni Strathclyde in Glasgow hat dazu auch eine Zahl: 77 Prozent der britischen Erwachsenen identifizieren sich stark oder sogar sehr stark mit Leave oder Remain. Und beide Lager verharren in ihrer jeweiligen Seifenblase.

Die Politik hat das befördert, glaubt Lucy Silver. «Ich habe nie verstanden, warum man den Austrittsprozess nicht Partei-übergreifend organisiert hat.» Ähnlich argumentiert Phil Manley in Christchurch: «Man hat den Eindruck, dass die sich immer nur um sich selbst drehen.»

Eine Million Brexiteers gestorben

Manley und seine Familie wollen kommende Woche wieder für ein zweites Referendum auf die Strasse gehen, obwohl Babs Gierlichs auch diesmal nicht mitstimmen könnte: «Ich liebe die Gegend und das Land, aber ich bin auch sehr Deutsch.» Zur Begründung für den neuerlichen Urnengang nennt sie die Gründe, die viele EU-Befürworter vorbringen: Beim Referendum 2016 seien viele Remainer, zumal Studierende, gar nicht zu den Urnen gegangen. «Die glaubten, die Entscheidung sei sowieso klar.» Gern wird auch auf die Korrelation zwischen Alter und Brexit-Entscheidung verwiesen. Tatsächlich ergaben Nachwahl-Befragungen, dass ältere Menschen sehr viel häufiger für den EU-Austritt gestimmt hatten als Junge. Statistisch gesehen sind mehr als eine Million dieser Brexit-Fans inzwischen gestorben.

Ob sich das Meinungsbild aber wesentlich verändert hat? Zwar sprechen sich bei einer Wiederholung der Frage vom Juni 2016 seit Monaten rund 55 Prozent der Briten für den EU-Verbleib aus. Wollen die Menschen aber wirklich ein zweites Mal gefragt werden? Darauf antworten bestenfalls 46 Prozent des Wahlvolkes mit Ja. Wahrscheinlich fürchtet sich die Mehrheit davor, dass ein weiterer Schlagabtausch den längst überfälligen Dialog und die anschliessende Versöhnung erschweren.

Sophie und Ian, Jonathan Coes Romanfiguren, haben vorweggenommen, was dem Land noch bevorsteht: Am Ende des Buches leben sie wieder zusammen und erwarten ihr erstes gemeinsames Baby.

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