Das Dokument des Schreckens zählt 1356 Seiten – und es lässt den Leser sprachlos zurück. Da ist das 7-jährige Mädchen, das in den frühen Sechzigerjahren im Spital durch einen Pater vergewaltigt wurde, nachdem es sich die Mandeln hatte entfernen lassen müssen. Oder der Teenager, der in den Siebzigerjahren in der Wohnung eines Priesters aufwachte, nackt und mit Schmerzen im Analbereich. Oder der Geistliche, der zugab, mindestens 15 Knaben vergewaltigt zu haben, und einräumte, dass das jüngste seiner Opfer sieben Jahre alt gewesen sei.

Nachzulesen sind diese Vorfälle in einem am Dienstag im Bundesstaat Pennsylvania veröffentlichten Untersuchungsbericht einer Grand Jury. Im Auftrag von Justizminister Josh Shapiro, einem Demokraten, untersuchten die Geschworenen zwei Jahre lang sexuelle Missbrauchsvorfälle in sechs katholischen Diözesen im Bundesstaat an der amerikanischen Ostküste. Dabei stiessen sie, nach Durchsicht einer halben Million Dokumente, auf die tragischen Geschichten von mehr als 1000 Opfern, die in den vergangenen sieben Jahrzehnten von mehr als 300 Geistlichen missbraucht wurden. Sie fanden darüber hinaus auch ein dichtes Netz von Lügen, das von hochrangigen Geistlichen der katholischen Kirche gestrickt wurde. Die Würdenträger hatten Angst davor, dass die breite Öffentlichkeit von den kriminellen Vorfällen erfahren könnte. So wurden die entsprechenden internen Berichte in «geheimen Archiven» aufbewahrt, zu denen nur hochrangige Geistliche Zugang hatten.

71 Namen veröffentlicht

Zur grossen Frustration der Grand Jury – einem Gremium von Laien, das im Zuge der Ermittlungen mit den Vollmachten einer Untersuchungsbehörde ausgestattet wurde – werden deshalb die meisten Taten ungesühnt bleiben. Pater James Beeman beispielsweise, der das 7-jährige Kind im Spital vergewaltigt hatte (und es später weiter missbrauchte), ist tot. Er starb 2016, im hohen Alter von 90 Jahren, nachdem er zuletzt in den frühen Neunzigerjahren in einem Gefängnis als Kaplan tätig gewesen war.

Gemäss dem Untersuchungsbericht hatte er bereits Jahre vor seinem Tod in internen Untersuchungen den sexuellen Missbrauch mehrerer Kinder zugegeben. Er habe seine Opfer «zutiefst geliebt», lautete Beemans Begründung für seine Taten. Bischof Ronald Gainer beschloss, dass er den Rest seines Lebens Abbitte leisten müsse. Dies sei Strafe genug.

In einer Stellungnahme gab sich Bischof Gainer zerknirscht über die Vorfälle in der Diözese Harrisburg. Er wolle sich bei den Opfern dafür entschuldigen, dass sich der Missbrauch ereignet habe. «Ich bin traurig, weil ich weiss, dass hinter jeder Geschichte ein Kind steckt, das durch die Sünden jener verletzt wurde, die es besser hätten wissen sollen», sagte der Bischof. Gainer betonte, solche Vorfälle würden nicht mehr toleriert. Zu Monatsbeginn hatte Bischof Gainer bereits eine Liste von 71 Geistlichen publik gemacht, die in seiner Diözese des Missbrauchs von Kindern beschuldigt worden waren. Damit kam er dem Druck nach, der seit Jahren auf der römisch-katholischen Kirche in den USA lastet, endlich reinen Tisch über die Missbrauchsfälle zu machen.

Weil eine Vielzahl der Täter bereits gestorben ist oder die Straftaten, die den katholischen Geistlichen vorgeworfen werden, schon verjährt sind, verzichtete die Grand Jury auf Anklageerhebungen. Die Laien-Ermittler sprachen aber eine Reihe von Empfehlungen aus – so empfehlen sie, die Verjährungsfristen bei der Verfolgung von sexuellem Missbrauch an Kindern abzuschaffen. Auch müssten Vorgesetzte von Straftätern härter angepackt werden, wenn sie ihrem Auftrag nicht nachkämen, die Misshandlung von Kindern zu melden.