USA

Trumps Lockruf an die Afroamerikaner

Trump wirbt um die Stimmen afroamerikanischer Wähler.

Trump wirbt um die Stimmen afroamerikanischer Wähler.

Ungewöhnliche Zustände im Wahlkampf: Der Republikaner Donald Trump wirbt um die Stimmen afroamerikanischer Wähler.

Der Lockruf ist ungewöhnlich, direkt und ungeschminkt. Seit einigen Tagen stellt Donald Trump in seinen Wahlkampfreden die rhetorische Frage: «Was zur Hölle haben sie zu verlieren, wenn sie etwas Neues wie Trump ausprobieren?» Die Frage richtet sich an Afroamerikaner, die seit Jahrzehnten zu den Stammwählern der Demokraten gehören.

In den Augen Trumps hat die Partei von Präsident Barack Obama die Afroamerikaner im Stich gelassen. «Sie leben in Armut, ihre Schulen sind schlecht, sie haben keine Arbeit und 58 Prozent der Jugendlichen sind arbeitslos», sagt Trump. Daran werde auch Hillary Clinton nichts ändern. Clinton verspreche den Afroamerikanern das Blaue vom Himmel, obwohl sie sich bewusst sei, dass ihre Lösungsansätze nichts zur Verbesserung der Situation beitragen würden.

Mit seinem Aufruf, der in der jüngeren Politgeschichte Amerikas seinesgleichen sucht, hat Trump eine heftige Debatte entfacht. Denn kein Thema wird in der Innenpolitik emotionaler diskutiert als Rasse und Klasse. In den Augen vieler Demokraten ist Trumps Lockruf schlicht dumm und rassistisch.

Lockruf vor einem weissen Publikum

Der Republikaner behaupte, sämtliche Afroamerikaner lebten ein miserables Leben – was schlicht nicht der Wahrheit entspreche, sagen die Trump-Kritiker. Hillary Clinton sagte in einer Rede, Trump appelliere mit den Lügen, die er über dunkelhäutige Bevölkerungsminderheiten verbreite, offen an den rechten, undemokratischen Rand des politischen Spektrums (siehe Text unten). In der Tat ist es auffällig, dass der Republikaner seinen Lockruf an Afroamerikaner meist vor einem mehrheitlich weissen Publikum ausstösst.

Selbst wohlmeinende Unterstützer Clintons können allerdings nicht abstreiten, dass Trump den Finger auf einen wunden Punkt legt: Denn die Lebensbedingungen vieler Afroamerikaner sind desolat. An diesem Grundübel hat auch der vor fünf Jahrzehnten von Präsident Lyndon B. Johnson ausgerufene «Krieg gegen die Armut» nicht viel geändert.

Noch heute sind Afroamerikaner überproportional von Armut, Hunger und Arbeitslosigkeit betroffen. Politisch allerdings zeitigte der Ausbau des amerikanischen Wohlfahrtsstaates die gewünschte Wirkung. Johnson gelang es, das politische System Amerikas neu anzuordnen: Die Afroamerikaner sagten sich definitiv von ihrer traditionellen politischen Heimat, der Republikanischen Partei, los und schlossen sich den Demokraten an.

Was sie zu verlieren haben? Alles

Gemäss Meinungsumfragen unterstützen derzeit weniger als 10 Prozent der afroamerikanischen Wähler Trump. Die Appelle des Unternehmers liefen ins Leere, sagt der schwarze Aktivist Malcolm Kenyatta aus Philadelphia. Selbstverständlich kämpften viele Afroamerikaner mit grossen wirtschaftlichen und sozialen Problemen, so der 25-Jährige im Gespräch mit der «Nordwestschweiz».

Unter Obama hätten schwarze Amerikaner aber grosse Fortschritte gemacht. Und nach wie vor seien die Demokraten die einzige Partei, «die über die Themen spricht, die uns am Herzen liegen»: Gesundheitsvorsorge, Justizreform, Armutsbekämpfung. Wenn Trump also die Frage stelle, «was zur Hölle habt ihr zu verlieren?», dann laute die Antwort: «Alles.»

Meistgesehen

Artboard 1