Noch nach der ersten Unterredung mit Donald Trump ist Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un sichtlich angespannt. Sein Lächeln wirkt bemüht. Auch der US-Präsident schwitzt. Das könnte zwar auch an Singapurs schwüler Hitze liegen. Die beiden haben die 48 Minuten zuvor allerdings in einem klimatisierten Raum verbracht.

Nach dem gemeinsamen Mittagessen und einem kurzen Verdauungsspaziergang auf dem Gelände des noblen Hotels Capella wirken die beiden Staatschefs schliesslich sehr viel gelöster. «Es ist besser gelaufen, als alle erwartet hatten», sagt Trump. Kim nickt ihm zu. Und dann beim Weitergehen sagt der US-Präsident: «Jetzt machen wir uns auf den Weg zur Unterzeichnung.»

Unterzeichnung? Der Handschlag zu Beginn der Gespräche, das erste Mal, dass ein amtierender US-Präsident einen nordkoreanischen Machthaber trifft – das war für rund 2500 Journalisten aus aller Welt Anlass genug, nach Singapur zu kommen. Doch dass sich die beiden offenbar auf eine Vereinbarung einigen würden, übertrifft bei den meisten die Erwartungen.

Historischer Handschlag zwischen Trump und Kim

Der historische Handschlag zwischen Trump und Kim

  

Im nahe gelegenen Pressezentrum, in dem die Begegnung auf einem grossen Bildschirm live übertragen wird, bricht in diesem Moment Hektik aus. Was könnte drin stehen? Nordkorea gibt sein Atomprogramm auf? Kommt es gar zu einem Friedensvertrag?
Nordkorea neben der US-Flagge

Keine zehn Minuten später findet auch schon die feierliche Unterzeichnung statt. Das Hotelmanagement hat einen grossen Tisch aufgestellt, im Hintergrund sind jeweils sechs US- und sechs Nordkorea-Fahnen aufgestellt. Sie haben die gleichen Farben: Rot, Weiss, Blau. Kim und Trump unterschreiben. «Was steht drin?», ruft ein Journalist. «Komplette Denuklearisierung», antwortet Trump. Sie soll «sehr, sehr schnell beginnen». «Die Welt wird einen grossen Wandel erleben», sagt Kim. «Wir haben beschlossen, die Vergangenheit hinter uns zu lassen.»

Jahrzehntelang galt eine derartige Begegnung als undenkbar. Trumps Vorgänger verfolgten die Linie, ein Treffen mit einem Herrscher aus Pjöngjang könne es nicht geben, solange dieser vorher nicht offiziell von seinem Atomprogramm ablässt. Die früheren US-Präsidenten wollten den Machthaber des isolierten Staates nicht diplomatisch aufwerten. Als Trump im März Kims Einladung zu einem Gipfel annahm, gab es auch im eigenen Lager des US-Präsidenten Kritik. Sollte es zu keinem Ergebnis kommen oder der Gipfel gar scheitern, könnte das verheerende Folgen haben.

Trump und Kim unterzeichnen Vereinbarung vor TV-Kameras

Trump und Kim unterzeichnen Vereinbarung vor TV-Kameras

Der Präsident sprach von einer "fantastischen Begegnung" mit Kim, bei der es "viele Fortschritte" gegeben habe.

Und nun das: ein Grundsatzabkommen, in dem sich Nordkorea verpflichtet, «auf eine vollständige Denuklearisierung der koreanischen Halbinsel hinzuarbeiten». Das Abkommen ist kein Friedensvertrag, aber immerhin ist in dem Dokument von der «Schaffung eines dauerhaften und stabilen Friedensregimes» die Rede. Die Annäherung – ein Erfolg für den US-Präsidenten?

Euphorie weicht Ernüchterung

Noch am Vortag hatte Trump gesagt, es zählten die ersten 60 Sekunden des Treffens. Er würde «innerhalb der ersten Minute» wissen, ob «etwas Positives passieren kann», also, ob es der nordkoreanische Machthaber mit einer möglichen Aufgabe seines Nukleararsenals ernst meine. «Sehr, sehr gut, exzellente Beziehung», sagt Trump nach der Unterzeichnung.
Am Nachmittag stellt sich der US-Präsident im voll besetzten Pressezentrum den Fragen der Journalisten. Kim ist zu diesem Zeitpunkt bereits abgereist.

Die anfängliche Euphorie vieler Anwesender ist der Ernüchterung gewichen. Der genaue Wortlaut des Dokuments ist inzwischen ausgehändigt. Vor allem unter den anwesenden amerikanischen Journalisten ist der Unmut gross. «Gibt es einen konkreten Zeitplan der von Nordkorea zugesagten Denuklearisierung?», fragt eine Journalistin der «New York Times». Noch nicht, erklärt Trump. Kim habe ihm aber mündlich die Zerstörung von Nordkoreas «grösstem Raketentestgelände» zugesichert.

Dann fügt der US-Präsident hinzu: Man werde aber sehr schnell beginnen. Schon in der kommenden Woche wolle Aussenminister Mike Pompeo nach Pjöngjang reisen und die Details aushandeln. Die Denuklearisierung brauche aber ihre Zeit, betont Trump. Er freue sich, die Sanktionen aufzuheben. Das sei der Fall, «wenn Atombomben kein Faktor mehr sind». Er wiederum habe zugesagt, die Militärmanöver mit dem Verbündeten Südkorea stoppen zu wollen. Diese «Kriegsspiele» seien «teuer und provokativ». Er wolle sie daher einstellen.

Angesprochen auf Nordkoreas Menschenrechtsverletzungen mit Arbeitslagern, in denen Hunderttausende unter unwürdigen Bedingungen inhaftiert sind, sagt Trump, er sei zuversichtlich, dass Kim «die richtigen Dinge tun» wolle. Er habe Kim ferner nach Washington eingeladen.

Und falls Kim seine Versprechen doch nicht hält? «Ich könnte in sechs Monaten hier stehen und sagen: ‹Hey, ich hatte unrecht›», sagt Trump. Dann scherzt er: «Ich weiss nicht, ob ich das zugeben werde, aber ich werde bestimmt eine Ausrede finden.»