Die mutmasslichen Täter waren schnell gefasst: In Frankfurt wurde ein Mann verhaftet, der einen 8-jährigen Buben vor einen Zug geschubst und damit ermordet hatte. In El Paso (USA) ein Mann, der bei einem Amoklauf in einem Einkaufszentrum 20 Menschen getötet hatte. Und in Dayton (USA) ein Mann, der in einer Bar neun Menschen erschossen hatte. Drei schreckliche Gewalttaten innerhalb weniger Tage. Es ist nachvollziehbar und richtig, dass Politiker und Medien nach solchen Horrorereignissen nicht einfach zur Tagesordnung übergehen, auch wenn sie von der Polizei schnell aufgeklärt werden. In unserer vernetzten Mediengesellschaft braucht es eine Art kollektive Verarbeitung. Verstörend ist jedoch, wie schnell die Debatte weg von den Tätern hin zu angeblich sonstigen Schuldigen führt.

Wie damals bei «Kosovaren schlitzen Schweizer auf»

Für die Ermordung des Buben in Frankfurt ist dann auf einmal nicht mehr nur der verhaftete Flüchtling aus Eritrea schuld, der in der Schweiz wohnhaft war, sondern die «Willkommenskultur» (AfD) und die «lasche Asylpolitik» (SVP). «Hurra, es ist ein Eritreer!», brachten die Tamedia-Zeitungen die Reaktion der Zürcher SVP auf den Punkt, die in einer Medienmitteilung schrieb, sie kritisiere seit jeher die lasche Asylpolitik gegenüber Eritreern: «Diese abscheuliche Tat zeigt einmal mehr auf, dass es sich bei solchen Personen um nicht integrierbare Gewalttäter handelt, die in der Schweiz nichts verloren haben.» Aus dem Eritreer im Singular wurden auf einmal Eritreer im Plural, so wie damals beim SVP-Inserat: «Kosovaren schlitzen Schweizer auf.» Ein Aargauer BDP-Politiker brachte im Fall des Eritreers sogar die Todesstrafe ins Spiel.

In den USA sind es die Linken, welche den Amoklauf in El Paso ausschlachten. Es dauerte nicht lange, bis die ersten Demokraten den wahren Schuldigen ausgemacht hatten: US-Präsident Donald Trump. Anlass dafür war die Vermutung, dass ein Manifest vom Täter stammte, das kurz vor der Tat im Internet aufgeschaltet wurde. Der Text sprach von einer Invasion von Hispanos in Texas und warnte davor, dass in den USA Weisse durch Ausländer ersetzt würden. Obwohl die Herkunft des Manifests vorerst ungeklärt blieb, schrieben progressive Demokraten: «Sie, Mister President, hatten Ihren Finger auf dieser AK-47» (die Bezeichnung der Tatwaffe). Denn Trumps «Hetze gegen Einwanderer» würde solche Attentate begünstigen. Dass solche Massenschiessereien auch unter Obama, Bush und Clinton geschahen, liessen die Demokraten unerwähnt. Ebenso, dass rassistisch motivierte Gewalt leider ein weltweites Phänomen ist – dieses Jahr etwa in Neuseeland, Australien und im Jahr 2011 in Norwegen (Fall Breivik).

Nur noch Gutmenschen und Rechtspopulisten

Gemeinsam ist den so unterschiedlichen Morden in Frankfurt und El Paso, dass im Nu nicht mehr die Taten selbst und die Opfer im Vordergrund standen, sondern die Themen Asyl und Rassismus. Woran liegt das? Letztlich zeigt die Heftigkeit der politischen Reaktionen, wie gespalten unsere westlichen Gesellschaften sind, wenn es um Asyl, Zuwanderung und Identität geht. Die Stimmung ist derart gereizt und aufgeladen, dass der Mord eines geistesgestörten Eritreers zum Versagen der Asylpolitik insgesamt wird. Und ein Amoklauf eines ebenfalls geistesgestörten Amerikaners zum Beleg für den tödlichen Rassismus Donald Trumps. Verfolgt man die sozialen Medien, ist man entweder «Gutmensch» oder «Rechtspopulist», dazwischen gibts nichts mehr. Zum Glück ist das im realen Leben anders, aber den Ton geben die extremen Stimmen der beiden Lager an.

Dabei gäbe es im Zusammenhang mit den Fällen El Paso und Frankfurt durchaus politisch Vernünftiges zu sagen. So ist Trump gewiss nicht schuld an der Schiesserei, aber als Präsident hat er, wie alle Mächtigen in ihrem Land, eine besondere Verantwortung, auch was Worte betrifft. Denn aus Worten werden Gedanken, und aus Gedanken können Taten werden. In der Asylpolitik wiederum unterschätzen wohl viele Politiker in Deutschland die Spätfolgen der Grenzöffnung vor vier Jahren; die Million Flüchtlinge, die damals hereinkamen, lassen sich nicht einfach so integrieren. Die Schweiz hat hier weniger Probleme, doch dass der verhaftete Eritreer hier als Beispiel für eine gelungene Integration galt – eine fatale Fehleinschätzung –, ist ein Warnsignal für die hiesigen Behörden.