Neil Gorsuch ist mit Washington wohlvertraut. Seine Teenagerjahre verbrachte der konservative Bundesrichter, der vergangene Woche von Präsident Donald Trump für einen Sitz am Obersten Gerichtshof nominiert worden war, in der Hauptstadt. Seine Mutter war damals, in den 1980er-Jahren, in führenden Regierungspositionen tätig.

Gorsuch war sich deshalb bewusst, dass seine subtile Distanzierung von Präsident Donald Trump, im Zwiegespräch mit einem demokratischen Senator geäussert, nicht lange geheim bleiben würde. Der Richter, so sagte Senator Richard Blumenthal, habe Trumps Tadel an der Arbeit der bundesstaatlichen Gerichte als «demoralisierend» und «entmutigend» bezeichnet.

Ein Sprecher, der Gorsuch während des Nominationsprozesses zur Seite steht, bestätigte später diese Aussagen. Andere Senatoren bestätigten in der Folge, dass sich der Richter ihnen gegenüber ganz ähnlich geäussert habe. Auf dem Nachrichtensender MSNBC erklärte der republikanische Senator Ben Sasse, Gorsuch habe ihm gegenüber «recht leidenschaftlich» auf Trumps Tadel reagiert. Wer «einen Bruder oder eine Schwester in einer Robe» attackiere, der greife die richterliche Unabhängigkeit an, habe Gorsuch sinngemäss gesagt.

Trump greift auch McCain an

Trump liess die Kritik an seiner Richter-Kritik, geäussert im Zusammenhang mit der Auseinandersetzung über den Einreisebann, nicht gelten. Gestern unterstellte er auf Twitter, dass Senator Blumenthal die Aussagen von Richter Gorsuch verdrehe – obwohl es für diese Behauptung keine Belege gibt. Dann griff Trump den republikanischen Senator John McCain an, der Zweifel an einer amerikanischen Militäraktion im Jemen geäussert hatte, die mit dem Tod eines Mitglieds einer Spezialeinheit der Marine endete.

Die Operation sei «gescheitert», hatte McCain gesagt, der notabene Vorsitzender des Militärausschusses im Senat ist und ein ausgewiesener Antagonist des Präsidenten. Mit solchen Aussagen, schrieb Trump, helfe McCain letztlich dem Feind.

Diese scharfen Auseinandersetzungen lassen folgende Schlussfolgerung zu: Drei Wochen nach dem Amtsantritt gehen Parteikollegen auf Distanz zu Trump, weil sie mit dem aktionistischen Stil des neuen Bewohners im Weissen Haus wenig anfangen können und seine persönlichen Ausfälle gegen Kritiker der Regierung verabscheuungswürdig finden.

Die Liste reicht von Verstössen gegen das Protokoll im Umgang mit ausländischen Regierungschefs bis hin zur Vermischung von geschäftlichen und öffentlichen Interessen. So kritisierte Trump das Warenhaus Nordstrom, weil es eine Produktelinie fallen lässt, die den Namen seiner Tochter Ivanka trägt. Und veröffentlichte diese Kritik auch auf dem offiziellen Twitter-Konto des amerikanischen Präsidenten.

Es wäre aber falsch, in diesen Wortmeldungen bereits die Saat einer innerparteilichen Revolte zu sehen. Zwar stimmt es, dass viele republikanische Abgeordnete in Washington dem Präsidenten skeptisch gegenüberstehen. Auch, weil sein ideologisches Rückgrat immer wieder Anlass für Fragen gibt und er aussenpolitisch ein unbeschriebenes Blatt ist. Sein Sieg bei den Vorwahlen im vergangenen Jahr wurde von Politbeobachtern deshalb auch als «feindliche Übernahme» der Republikanischen Partei bezeichnet.

Die Träume der Republikaner

Andererseits unterstützen viele Volksvertreter das innenpolitische Programm des Präsidenten. Auch weil es – alles in allem – in der Bevölkerung auf Zustimmung stösst. Sie sehen in Trump ein Werkzeug zur Verwirklichung lange gehegter Träume. So sprechen die Republikaner seit Jahrzehnten über eine Steuerreform, die Amerika im weltweiten Kampf um die Ansiedlung von Unternehmen konkurrenzfähig macht. Oder sie zerbrechen sich die Köpfe über den Umbau des Krankenversicherungswesens, um die Partei vom Stigma zu befreien, sie interessiere sich nicht für die Sorgen der einfachen Bevölkerung.

Man kann dies einen Pakt mit dem Teufel nennen, aber Moral und Politik sind schon lange zwei paar Stiefel. Die Republikaner im Parlament wissen, dass sie vielleicht nur zwei Jahre Zeit haben, um ihre Machtfülle in Washington zu geniessen. Denn dann steht bereits die nächste Parlamentswahl an, bei der die Demokraten auf Rache sinnen. Diese Zeitspanne wollen die Taktiker an der Spitze der Partei nutzen, um Projekte des Präsidenten umzusetzen, die sie schon lange unterstützen – und solche zu verhindern, die ihnen gegen den Strich gehen.