Die schlimmste Tragödie mit bis zu 500 Toten ereignet sich offenbar am Donnerstag. Nach übereinstimmenden Schilderungen von Überlebenden sind an diesem Tag zwei völlig überladene Fischerboote mit je 500 Flüchtlingen an Bord vom libyschen Hafen Sabratha gemeinsam Richtung Sizilien in See gestochen. Offenbar erlitt eines dieser kaum seetüchtigen Boote relativ bald einen Motorschaden. In der Folge wurde das havarierte Schiff vom anderen ins Schlepptau genommen. Dann begann das Boot mit Wasser vollzulaufen – und das Drama nahm seinen Lauf.

Laut den Berichten der Überlebenden schöpften die Flüchtlinge während Stunden verzweifelt Wasser. Als das Schiff dennoch zu sinken begann, hätten die Schlepper auf dem vorderen Schiff befohlen, das Seil zu kappen und das zweite Boot sich selbst zu überlassen. Rund 300 Flüchtlinge waren im Rumpf des sinkenden Bootes blockiert; sie hatten keine Überlebenschance. Andere sprangen vom Deck ins Wasser, um zum ersten Boot zu gelangen – und ertranken ebenfalls. Von den insgesamt wohl über 500 Passagieren des zweiten Bootes konnten nach Behördenangaben nur etwa 20 gerettet werden. Unter den Toten befanden sich wahrscheinlich auch mindestens 40 Kinder, darunter auch Neugeborene.

Auf Augenzeugen angewiesen

Wie viele Flüchtlinge in den letzten Tagen ums Leben gekommen sind, vermag niemand genau zu beziffern. Die meisten Leichen werden nicht geborgen. Die Behörden und das UNO-Flüchtlingshilfswerk UNHCR sind deshalb auf die Aussagen überlebender und traumatisierter Flüchtlinge angewiesen, die Augenzeugen der Tragödien geworden sind.

Laut der italienischen UNHCR-Sprecherin Carlotta Sami haben Überlebende am Wochenende von insgesamt drei verschiedenen Schiffsunglücken am Mittwoch, Donnerstag und Freitag berichtet. «Wenn wir diese Zahlen zusammenführen, so schätzen wir, dass es mindestens 700 Opfer gibt – ohne Sicherheit in Bezug auf die Zahlen und die Identität der Opfer», betonte die Sprecherin.

Fest steht jedoch, dass Italien in der letzten Woche mit einem sprunghaften Anstieg der Flüchtlingszahlen konfrontiert war. Laut der italienischen Küstenwache sind seit Montag bei Dutzenden von Einsätzen rund 14 000 Flüchtlinge aus dem Mittelmeer gerettet worden. Beteiligt waren neben italienischen Einheiten auch Schiffe der Frontex-Aktion «Triton», der europäischen Mission EuNavFor Med sowie private Hilfsorganisationen und kommerzielle Frachter.

Geschlagen und vergewaltigt

Die meisten Flüchtlingsboote befanden sich zum Zeitpunkt der Rettung erst wenige Meilen ausserhalb der libyschen Hoheitsgewässer. Dort setzen die Schlepper jeweils per Satellitentelefon einen Hilferuf ab – in der zynischen, aber in der Regel zutreffenden Annahme, dass sich schon ein italienisches oder anderes Schiff in der Nähe befinde, das die Flüchtlinge von den kaum seetüchtigen Booten holt, ehe es zu spät ist.

Die geretteten Flüchtlinge berichten den Helfern auch regelmässig von Misshandlungen und menschenunwürdigen Bedingungen in Libyen. Zwei junge Syrer, die über den Libanon und den Sudan nach Libyen gelangt sind, haben ausgesagt, dass sie von bewaffneten libyschen Gruppen zusammen mit mehreren hundert anderen Flüchtlingen in eine Art Lager gesteckt worden seien, um dort auf die Weiterfahrt zu warten. Zu essen habe es nur einmal im Tag gegeben; einige Flüchtlinge seien wochenlang in diesem Lager festgehalten und von den Aufsehern immer wieder geschlagen worden. In den libyschen Lagern komme es auch immer wieder zu Vergewaltigungen, erklärte gestern die Organisation «Ärzte ohne Grenzen», die ebenfalls bei der Rettung und Versorgung der Flüchtlinge aktiv ist.

Nach den Schätzungen der Internationalen Organisation für Migration (IOM) sind in diesem Jahr bereits 1475 Menschen im Mittelmeer ertrunken. Und ein Abebben der Flüchtlingsströme über die gefährliche Route von Libyen nach Italien ist nicht abzusehen. Im Gegenteil: Das italienische Innenministerium schätzt, dass sich in diesem Jahr noch mindestens 150 000 weitere Flüchtlinge in Richtung Sizilien aufmachen werden – bisher waren es rund 50 000.