Türkei

Tief gespalten und unregierbar: Wenn Türken Türken hassen

Ein Opfer der Anschläge von Ankara wird in Istanbul zu Grabe getragen.Tolga Bozoglu/EPA/Keystone

Ein Opfer der Anschläge von Ankara wird in Istanbul zu Grabe getragen.Tolga Bozoglu/EPA/Keystone

Die Türkei trauert um die Opfer des Anschlags von Ankara, bei dem fast 100 Menschen starben. Doch es war keine gemeinsame Trauer. Vielmehr wurde deutlich, dass die Risse in der Gesellschaft so tief sind wie nie zuvor, 3 Wochen vor den Wahlen.

Weniger als drei Wochen vor der Parlamentswahl am 1. November zerfällt das Land in zwei Lager: Anhänger und Gegner von Präsident Recep Tayyip Erdogan und dessen Regierungspartei AKP. Eine Verständigung zwischen diesen Blöcken wird immer schwieriger.

So weigert sich AKP-Ministerpräsident Ahmet Davutoglu, mit der legalen Kurdenpartei HDP zu sprechen, die etliche Mitglieder bei dem Anschlag verlor. Kein Regierungsmitglied liess sich bei den Beisetzungsfeiern für die Anschlagsopfer blicken.

Einige regierungsnahe Medien schürten die Spannungen, indem sie die absurde Theorie verbreiten, die PKK-Kurdenrebellen hätten den Anschlag im Auftrag des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad ausgeführt.

Die islamistische Zeitung «Yeni Akit» setzte noch eins drauf und machte die Geheimdienste Deutschlands, Grossbritanniens und der USA verantwortlich. Burhan Kuzu, ein Berater von Präsident Erdogan, bezeichnete den Anschlag gar als Folge der Wahl vom 7. Juni, bei der die AKP abgestraft wurde und ihre Mehrheit im Parlament verlor. Kuzu schrieb, die Menschen hätten eben «das Chaos gewählt».

Viele glauben an Verschwörung

Umgekehrt sind die HDP-Führung und viele Kurden und Linke felsenfest überzeugt, dass der Staat in die Gewalttat von Ankara verwickelt war. Die Behörden hätten «Blut an den Händen», sagte HDP-Chef Selahettin Demirtas.

Die Oppositionszeitung «Cumhuriyet» meldete, Zivilpolizisten seien bei der von zwei Selbstmordattentätern angegriffenen Friedensdemo zwar anwesend gewesen, hätten die Gewalttat aber nicht verhindert.

Unterdessen kommen die Ermittlungen nur langsam voran. Regierungschef Davutoglu sagte, Anhänger des Islamischen Staates (IS) seien die Hauptverdächtigen. Einer der beiden Attentäter werde bald identifiziert sein.

Laut Presseberichten konzentriert sich die Tätersuche auf eine mutmassliche IS-Zelle aus Ostanatolien. Einige Mitglieder dieser Zelle sind der Polizei bekannt – warum sie dennoch frei herumlaufen und Anschläge verüben konnten, gehört zu den vielen offenen Fragen.

Davutoglu betonte, in jüngster Zeit seien in Ankara und Istanbul einige andere Anschläge verhindert worden. Doch das kann die Kritiker nicht beruhigen. Natürlich habe die Regierung das Verbrechen von Ankara nicht verübt, schrieb der Kolumnist Ahmet Hakan in der Zeitung «Hürriyet».

Doch die von der Regierung aus wahltaktischen Gründen in den vergangenen Jahren betriebene Polarisierung der Gesellschaft habe ein Klima geschaffen, in dem «der eine den anderen hasst». Hakan spricht aus Erfahrung – er war kürzlich von AKP-Schlägern auf offener Strasse verprügelt worden.

Da die meisten Umfragen für die Wahl am 1. November erneut keine klaren Mehrheitsverhältnisse im Parlament voraussagen, verbreitet sich das Gefühl, die Türkei treibe ruderlos immer neuem Unglück entgegen.

«Die Krise wird zunehmend unlösbar», analysierte das Unternehmen Teneo Intelligence, das andere Firmen bei Sicherheitsfragen berät. Der Psychologe Kemal Sayar forderte in Al Jazeera, die Türken brauchen jetzt Solidarität in der Gesellschaft und eine gemeinsame Aufarbeitung des Traumas.

Doch davon ist nichts zu sehen. Premier Davutoglu und die Spitzenpolitiker der Oppositionsparteien, darunter die HDP, können sich nicht einmal auf eine Zusammenkunft einigen, um gemeinsam den Terror zu verdammen. Das linksgerichtete Portal Sol kommentierte, die Türkei sei mittlerweile unregierbar.

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