Bolton, Bury, Oldham. Coventry, Walsall, Wolverhampton. Grimsby, Halifax, Hull. Auf die kleinen und grösseren Städte Mittel- und Nordenglands hat Theresa May in den vergangenen sieben Wochen ihre Anstrengungen konzentriert. Alle haben zwei Dinge gemeinsam: Bisher wurden sie durch Mitglieder der Labour-Party im Unterhaus vertreten, teilweise schon seit Jahrzehnten. Und alle haben sie mit teils grosser Mehrheit für den Brexit gestimmt und damit ihre Unzufriedenheit mit dem Status quo ausgedrückt. Am Mittwoch, dem letzten Tag der Wahlkampagne, wandte sich die konservative Parteichefin von der Südküste aus erneut an die Menschen in diesen Wahlkreisen. «Es geht um starke und stabile Führung für den besten Brexit-Deal», sagte die Premierministerin in Southampton.

Auch mit ihrer harten Rhetorik seit dem dritten Terror-Anschlag binnen neun Wochen zielte May auf bisherige Wähler der EU-feindlichen Ukip sowie Labour-Sympathisanten, denen der Linkskurs des Oppositionsführers Jeremy Corbyn suspekt ist. Sollte sich die Notwendigkeit ergeben, müssten die Menschenrechte von Terror-Verdächtigen stärker eingeschränkt werden, glaubt die Regierungschefin. Als mögliche Massnahme nannte sie eine Erweiterung der bisher möglichen Frist, während der die britische Polizei Verdächtige ohne Anklage festhalten kann, von zwei auf vier Wochen.

Hilfe von konservativer Presse

Unterfüttert wurde Mays Kampagne von den Titelseiten der konservativen Boulevardblätter. Die «Daily Mail» bezeichnete Corbyn sowie seine innen- und finanzpolitischen Sprecher als «Apologeten des Terrors», die «Sun» druckte alte Fotos von Corbyn auf einer Demonstration mit seinen «dschihadistischen Kameraden». Damit entsprachen die Medien einer langfristigen Tory-Strategie, die Entscheidung in der Wahlkabine auf eine klare Alternative zu reduzieren: Wer regiert das Vereinigte Königreich in den kommenden fünf Jahren – die erprobte Regierungschefin oder Corbyn, der radikale Linke ohne jede Führungs-, geschweige denn Regierungserfahrung.

Freilich deuteten andere Schlagzeilen auf die Versäumnisse von Polizei und Geheimdienst hin, die die langjährige Innenministerin May zuletzt in Bedrängnis brachten. Alle drei Terrormörder vom vergangenen Samstag waren den Behörden bekannt. Labour führte am Mittwoch den früheren Leiter der Staatsanwaltschaft, Keir Starmer, als Kronzeugen gegen vorschnelle Gesetzesänderungen ins Feld. In seiner fünfjährigen Amtszeit bis 2013 habe er «eng und vertrauensvoll mit den Geheimdiensten» zusammengearbeitet und viele Terror-Verdächtige zur Anklage gebracht, berichtete der Jurist, der seit 2015 für Labour im Unterhaus sitzt. Er prangerte überdies die Kürzungen im Polizeibudget der vergangenen Jahre an. Auch Amnesty International und die Bürgerrechtsbewegung Liberty warnten vor Einschränkungen der Grundrechte: Damit erledige May lediglich das Geschäft der islamistischen Extremisten.

Zahl der Opfer auf acht gestiegen

Das Schicksal der drei von der Polizei erschossenen Gewalttäter von London Bridge und Borough Market beschäftigt unterdessen islamische Geistliche. In einer gemeinsamen Erklärung teilten 130 britische Imame und Uni-Dozenten mit, sie würden den Tätern das traditionelle Totengebet Salat al-Janazah verweigern. «Ihre Taten stehen im kompletten Gegensatz zur Lehre des Korans», schrieben die Gelehren.

Die Zahl der Opfer des Mord-Trios hat sich auf acht erhöht, nachdem Polizeitaucher die Leiche eines vermissten Franzosen, 45, aus der Themse geborgen hatten. Ein weiterer Franzose sowie zwei Australier und eine Kanadierin gehören ebenso wie ein junger Brite zu den bisher namentlich bekannten Toten. Die Angehörigen eines vermissten spanischen Bankers werden seit Tagen von Scotland Yard hingehalten; selbst die Intervention des Madrider Aussenministers, das bürokratische Identifizierungsverfahren zu beschleunigen, blieb vergeblich.

Die Terror-Anschläge von London und Manchester haben Insidern zufolge die Opposition zuletzt zurückgeworfen. Im Norden des Landes werde die Arbeiterpartei einen «nuklearen Winter» erleben, prophezeit der einflussreiche Basis-Blog Labour Uncut. Statt bisher 232 Mandaten würden im neuen Unterhaus nur noch zwischen 140 und 170 Labour-Parlamentarier Platz nehmen. Damit würden Mays Torys einen Erdrutschsieg erzielen, der mit Margaret Thatchers bestem Ergebnis von 1983 vergleichbar wäre.

Allerdings gibt es in Tory-Reihen auch Unruhe über die holprig verlaufene Kampagne. Ein Kenner der Konservativen zeigt sich «erschüttert über die Kommunikation». Die Strategie des Ein-Personen-Wahlkampfes sei fehlgeschlagen. «Da zeigt sich, wie angreifbar man sich macht, wenn man die Regierungsgeschäfte zu dritt betreibt» – eine Anspielung auf die verbreitete Sichtweise, die Premierministerin verlasse sich zu sehr auf ihre Chefberater Nick Timothy und Fiona Hill, beziehe hingegen ihr Kabinett zu wenig in wichtige Entscheidungen ein.