Südostasien

Thailand, Singapur und Co. haben einen langen Weg bis zum Vorbild Europa vor sich

Die Staats- und Regierungschefs aus dem Verband Südostasiatischer Nationen, kurz Asean.

Die Staats- und Regierungschefs aus dem Verband Südostasiatischer Nationen, kurz Asean.

Die südostasiatische Staatengemeinschaft Asean feiert ihr 50-jähriges Bestehen — trotz zahlreicher Baustellen.

Bis heute blickt der Westen herablassend auf die Asean-Staaten, betrachtet den Bund der zehn südostasiatischen Länder Indonesien, Malaysia, Thailand, Singapur, den Philippinen, Brunei, Vietnam, Kambodscha, Laos und Myanmar (Burma) als eine handlungsunfähige Partnerschaft.

625 Millionen Menschen leben in der Region. Sie erwirtschaften mit rund drei Billionen US-Dollar rund acht Prozent der weltweiten Wirtschaftsleistung. Mehr als ein Drittel des globalen Schiffsverkehrs führt durch die Strasse von Malakka und das angrenzende Südchinesische Meer. Doch wenn die Regierungsvertreter dieser zehn Staaten ab Mittwoch in der philippinischen Hauptstadt Manila zusammenkommen und das 50-jährige Bestehen ihres Staatenbündnisses feiern, fällt die Bilanz alles andere als erquicklich aus.

Autokraten und Demokraten

Seit Ende 2015 gibt es einen gemeinsamen Binnenmarkt. Die Zölle sind weitgehend weggefallen. Doch viele Standards und Regeln bleiben uneinheitlich, es gibt weder gemeinsame Gesetze noch eine einheitliche Währung. Entsprechend gross ist das Einkommensgefälle: Das reiche Singapur etwa hat ein Pro-Kopf-Einkommen von 55'000 Dollar im Jahr. In Myanmar liegt es bei nicht einmal 1300 Dollar.

Und selbst in den Zielen sind sich die zehn Staaten äusserst uneins. Autoritär geführte Staaten wie Singapur, Brunei, Thailand unter der Militärdiktatur oder Vietnam rücken vor allem die wirtschaftliche Entwicklung in den Vordergrund. Bei innenpolitischen Konflikten hingegen berufen sie sich auf das Prinzip der Nichteinmischung. Demokratisch geführte Länder wie Indonesien oder Malaysia hingegen fordern die Achtung der Menschenrechte ein. Bis heute konnten sich die Asean-Staaten nicht einmal darauf einigen, von einem Verbund zu sprechen, vergleichbar etwa mit der Europäischen Union. Sie sprechen weiter lediglich von einer «Kooperation».

Und trotzdem: Diese südostasiatische Gemeinschaft ist zum Erhalt der Stabilität in der Region und auf der ganzen Welt heute wichtiger denn je. Allen voran seit dem Erstarken Chinas sehen sich die Anrainer des Südchinesischen Meeres einem zunehmend selbstbewusst und aggressiv auftretenden Nachbarn gegenüber. China beansprucht die Spratly-Inseln, auf die auch verschiedene Asean-Länder Ansprüche anmelden. Dieser Konflikt hat sich zu einem gefährlichen Pulverfass entwickelt, das Auswirkungen auf die ganze Welt haben könnte. Die USA wissen um die Bedeutung dieses Seeweges für den weltweiten Handel – und Washington stichelt mit Militärmanövern gegen China.

Zu den jährlich tagenden Asean-Gipfeltreffen werden regelmässig auch die Regierungsvertreter von China, Japan und Südkorea geladen. Sie sind eine der wenigen Gelegenheiten, an denen sämtliche Konfliktparteien an einem Tisch sitzen. Die USA sind mit einem Beobachterstatus vertreten. Diplomatische Kanäle, wie sie etwa in europäischen und transatlantischen Zusammenhängen selbstverständlich sind, gibt es in Fernost ansonsten nicht.

Doch auch im Konflikt um das nordkoreanische Atomwaffenprogramm sind die Asean-Staaten imstande, eine förderliche Rolle einzunehmen. Sie haben wenig ideologische Vorbehalte, auch mit einem Regime in Pjöngjang zu verhandeln – wenn auch bislang nicht mit allzu viel Erfolg. Nicht zuletzt bilden die Asean-Staaten ein Bindeglied zwischen den sich misstrauenden Grossmächten China und Indien.

Die EU macht es vor

Aus europäischer Sicht mag das nicht nach allzu viel klingen. Doch ebendieser Blick auf Fernost macht zugleich deutlich, was in Brüssel mit der Europäischen Union in nahezu derselben Zeit alles erreicht wurde. Trotz Brexit verfügen die 28 EU-Staaten schon seit fast 30 Jahren über einen funktionierenden gemeinsamen Binnenmarkt, 19 von ihnen sogar über eine gemeinsame Währung. Territorialstreitigkeiten sind komplett beigelegt, es herrscht Frieden in Europa.

Die Asean-Staaten haben noch einen langen und mühseligen Weg vor sich, um sich auch nur annähernd mit ihrem Vorbild, der EU, vergleichen zu können. Trotz der vielen Differenzen sind die Staaten Südostasiens fest entschlossen, diesen Weg einzuschlagen. Brüssel sei Dank.

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