Gott sei Dank, es ist nichts passiert! Diese Erleichterung war am Dienstag in Deutschland zu spüren, hatte doch die Polizei am Tag zuvor den 22-jährigen Syrer Dschaber al-Bakr festgenommen, in dessen Wohnung sich gefährlicher Sprengstoff befand. Doch ins kollektive Aufatmen mischte sich auch Kritik am Polizeieinsatz in Chemnitz und Leipzig.

«Das war bestimmt kein Ruhmesblatt», sagt der Vizechef des Bundestagsgremiums zur Kontrolle der Geheimdienste, André Hahn (Linke). Die Polizei habe den Tatverdächtigen lange überwacht, ihn aber trotz eines Grossaufgebots nicht gleich fassen können. Hans-Georg Maassen, der Chef des Bundesamtes für Verfassungsschutz, hingegen verteidigte den Einsatz als «grossartigen Erfolg» und wies auf die Gefahr hin, die von dem Mann ausgegangen war: «Wir hatten Hinweise – nachrichtendienstliche Hinweise –, dass er zunächst einmal Züge in Deutschland angreifen wollte. Zuletzt konkretisierte sich dies mit Blick auf Flughäfen in Berlin.»

«Die letzte Chemikalie»

Die Vorgehensweise der Ermittler schilderte Maassen so: Als Dschaber al-Bakr am Freitag «in einem Ein-Euro-Shop Heisskleber kaufte», seien «alle Massnahmen in Bewegung gesetzt» worden, «damit ein Zugriff erfolgte». Denn die Behörden seien davon ausgegangen, dass dies «im Grunde genommen die letzte Chemikalie» sein könnte, «die für ihn notwendig war, um eine Bombe herzustellen».

Auch Generalbundesanwalt Peter Frank sagte, der Verdächtige habe bereits «eine sehr grosse Menge» eines «sehr hochexplosiven Sprengstoffs» hergestellt, dafür sei «spezielles Know-how» nötig. Die Zeitung «Die Welt» berichtet, Dschaber al-Bakr habe sich in diesem Sommer eine Zeit lang in der Türkei aufgehalten. Nun werde geprüft, ob er von dort aus nach Syrien weitergereist sei – möglicherweise, um den Bau von Bomben zu lernen. Das Blatt schreibt, al-Bakr habe nach seiner Rückkehr Ende August über auffällig viel Bargeld in US-Dollar verfügt und eine neue Wohnung gesucht, in der er alleine leben wollte. Schon am Tag der Festnahme hatten Sicherheitsbehörden erklärt, al-Bakr habe Kontakt zur Terrororganisation «Islamischer Staat» (IS) gehabt. Konkretere Aussagen dazu gibt es allerdings nicht.

Al-Bakr wollte sich freikaufen

Viel Lob und Dank bekamen jene syrischen Flüchtlinge zu hören, die Dschaber al-Bakr in Leipzig überwältigt und der Polizei übergeben hatten. «Das verdient grosse Anerkennung», erklärte etwa der innenpolitische Sprecher der SPD-Fraktion, Burkhard Lischka. Mohammed A., einer der syrischen Flüchtlinge, die al-Bakr überwältigten, schilderte den Hergang bei RTL und in der «Bild»: al-Bakr habe eine Übernachtungsmöglichkeit gesucht und sei so in die Leipziger Wohnung gekommen. Dort fiel Mohammed A. die Facebook-Fahndung der Polizei auf. Daraufhin informierte er Freunde, und die verständigten die Polizei. Dschaber al-Bakr wollte sich im letzten Moment freikaufen. «Er hat versucht, uns mit Geld zu bestechen», sagt Mohammed A. Doch man habe dem Verdächtigen mitgeteilt: «Du kannst uns so viel Geld geben, wie du willst, wir lassen dich nicht frei.» Anschliessend hätten sie ihn mit einem Stromkabel gefesselt. Über sein Motiv sagt Mohammed A.: «Ich bin Deutschland so dankbar, dass es uns aufgenommen hat. Wir konnten nicht zulassen, dass er Deutschen etwas antut.»

Angesichts des Falles werden in der CDU/CSU neue Forderungen in der Sicherheitspolitik laut. Innenexperte Stephan Mayer (CSU) fordert einen neuen Haftgrund: «Gefahr für die öffentliche Sicherheit und Ordnung.» Dies würde es erlauben, sogenannte «Gefährder» präventiv in Haft zu nehmen. Der Koalitionspartner SPD sieht dies jedoch als rechtsstaatlich problematisch an. Es müsse schon einen konkreten Haftgrund geben.