In dem Wrack der "Bulgaria", die am Sonntag rund 750 Kilometer östlich von Moskau bei einem Sturm untergegangen war, erreichten die Taucher auch den "musikalischen Salon". Hier sollen sich zum Zeitpunkt des Unglücks 40 Kinder aufgehalten haben, wie Einsatzkräfte nach Angaben der Agentur Interfax mitteilten.

An der Unglücksstelle etwa drei Kilometer vom Ufer entfernt waren weiter mehr als 100 Taucher sowie 300 Helfer im Einsatz. Der Zivilschutz kündigte an, die Zahl der Einsatzkräfte noch einmal zu erhöhen, um die Leichen rasch zu bergen.

Vorbereitet wurde ausserdem ein Grosseinsatz zur Bergung des Wracks. Die russische Regierung hat eine Überprüfung der Binnenflotte angekündigt und will alte Doppeldeckschiffe vom Typ der "Bulgaria" aus dem Verkehr ziehen.

Russland trauert um Opfer

Nach dem schwersten Schiffsunglück in Russland seit mehr als 20 Jahren gedachte das Land mit einer Staatstrauer der Opfer. An öffentlichen Gebäuden wurden Fahnen auf Halbmast gesenkt, grössere Veranstaltungen wurden abgesagt.

Das Fernsehen verzichtete auf Werbe- und Unterhaltungssendungen. In der Stadt Kasan legten Menschen an der Wolga Blumen nieder und zündeten Kerzen an. Nach letzten Angaben waren 79 Menschen gerettet worden.

Medien: "Protektion von oben"

Russische Ermittler warfen den Betreibern der "Bulgaria" erneut grobe Verstösse vor. So sei das Schiff technisch marode gewesen und ohne nötige Lizenz gefahren.

Die Schuld liege aber nicht allein an den Unternehmern, sie würden Verantwortungslosigkeit und korrupte Strukturen ausnutzen, hiess es in russischen Medien. "Ohne Protektion von oben kann man ein solches Geschäft nicht betreiben."

Überlebende der Havarie nannten zahlreiche technische Mängel an der über 55 Jahre alten "Bulgaria" als eine der Ursachen für den Untergang. "Der Kahn knarrte wie ein alter Leiterwagen", sagte einer der Passagiere.

Das von einem Unwetter aufgewühlte Wasser sei durch die offenen Bullaugen geströmt und habe das Schiff innerhalb von drei Minuten zum Kentern gebracht. Der Kapitän missachtete nach Darstellung der Behörden Unwetterwarnungen, zudem hatte das für 140 Passagiere gebaute Ausflugsschiff viel zu viele Menschen an Bord.

Justiz leitet Ermittlungen ein

Die Polizei nahm derweil die Betreiber des Ausflugsschiffs wegen Missachtung der Sicherheitsvorschriften fest. Ihnen drohen bis zu zehn Jahre Haft. Die "Bulgaria" sei technisch marode gewesen und ohne nötige Lizenz gefahren, sagten Ermittler. Eine bereits 1980 abgelaufene Betriebserlaubnis des Boots sei zudem nie rechtskräftig verlängert worden.

Ausserdem sollten demnächst auch Ermittlungen gegen die Kapitäne von zwei Schiffen eingeleitet werden, die an der Unglücksstelle nahe der Stadt Kasan in der russischen Teilrepublik Tatarstan vorbeifuhren, ohne zu helfen.