Syrien

Syrische Kurden flüchten vor dem IS – Türkei empfängt sie mit Tränengas

Zehntausende syrische Kurden brachten sich vor IS-Terroristen in Sicherheit über die Grenze zur Türkei. Diese jedoch nimmt sie nur widerwillig auf. Offensichtlich wird bei Jesiden und Kurden mit zwei Ellen gemessen.

Aus Furcht vor neuen Massakern der IS-Terroristen sind am Wochenende nach jüngsten UNO-Angaben 100 000 syrische Kurden in dem Südosten des Nato-Landes Türkei geflohen. Die Menschen lebten in 70 Dörfern am Ostufer des Euphrat, die in den letzten vier Tagen von der Dschihadistenorganisation Islamischer Staat (IS) erobert worden waren. 

«Wir wissen ehrlich gesagt nicht, wann dieser Strom endet. Es könnten noch Hunderttausende mehr kommen. Wir benötigen Hilfe für grundsätzliche, lebensrettende Massnahmen», sagte die Vertreterin des UNO-Flüchtlingshilfswerks UNHCR in der Türkei, Carol Batchelor.

Tränengas gegen Kurden

An der Grenze zwischen der Türkei und Syrien kam es zu Zusammenstössen zwischen türkischen Sicherheitskräften und Kurden. Die Polizei ging mit Tränengas und Wasserwerfern gegen die Kurden vor, die sich ihrerseits mit Feuerwerkskörpern zur Wehr setzten.

Über die Gründe für die Auseinandersetzungen liegen widersprüchliche Berichte vor. Gemäss der staatlichen türkischen Nachrichtenagentur Anadolu sollen kurdische Demonstranten mit Steinen auf türkische Sicherheitskräfte geworfen haben, die Flüchtlinge daran hinderten, sich der Grenze zu nähern.

Laut dem türkischen Privatsender NTV sollen Sicherheitskräfte versucht haben, eine Gruppe Kurden aufzuhalten, die nach eigenen Angaben belagerten Kurden in Syrien zu Hilfe eilen wollten. Eine unabhängige Überprüfung der Angaben ist nicht möglich.

Türkei setzt Tränengas gegen kurdische Flüchtlinge ein

Türkei setzt Tränengas gegen kurdische Flüchtlinge ein

Die IS-Terroristen bedrohten gestern auch die überwiegend von Kurden bewohnte syrische Grenzstadt Ain al-Arab (kurdisch: Kobane). Dort lebten vor dem Massenexodus 50 000 Menschen. Sollte die von Milizionären der Partei der Demokratischen Union (PYD) verteidigte Ortschaft fallen, droht den Männern die Enthauptung, den Frauen Zwangsprostitution und Sklaverei. Nach einer Einnahme von Kobane würde der IS mehr als die Hälfte der 900 Kilometer langen türkisch-syrischen Grenze kontrollieren. 

Um neue Massaker zu verhindern, hatte die PYD, bei der es sich um den syrischen Arm der türkisch-kurdischen PKK handelt, bereits am Freitag ein militärisches Eingreifen der internationalen Staatengemeinschaft gefordert. Die Appelle wurden jedoch ignoriert.

PYD-Aktivisten warfen der Türkei vor, den IS-Dschihadisten Waffen und Munition zu liefern und gleichzeitig PKK-Kämpfer am Grenzübertritt nach Syrien zu hindern. Die Kurden vermuten, der türkische Geheimdienst könnte sich für die am Samstag erfolgte Freilassung von 49 türkischen Konsulatsmitgliedern erkenntlich gezeigt haben, die der IS im Juli als Geiseln genommen hatte. Beweise für diese Vorwürfe gibt es nicht. Allerdings sind die Umstände der Heimkehr der Geiseln höchst undurchsichtig.

Für die Türkei ist die PKK (und ihr syrischer Arm) noch immer eine Terrororganisation. Diese Auffassung teilen auch die EU und die USA, die bei der Befreiung der irakischen Jesiden im vergangenen Monat mit den PYD-Milizen kooperiert und deren Hilfe mit lobenden Worten gepriesen hatten. Die türkische Regierung hat sich dagegen bislang geweigert, den sogenannten Islamischen Staat als Terrororganisation zu bezeichnen.

Es lägen genügend Hinweise für eine Kooperation türkischer Geheimdienste mit den IS-Dschihadisten vor, betonen westliche Diplomaten in Ankara. Die türkische Regierung bestreitet diese Vorwürfe. Sie hätte sie glaubhaft entkräften können, wenn man mit einigen «gezielten Warnschüssen mit der Artillerie» die IS-Kämpfer am Vordringen in Richtung Kobane gehindert hätte, erklärten europäische Beobachter am Grenzübergang von Mursitpinar.

Dort hatten sich am Wochenende Tausende von syrischen Kurden in die Türkei geschleppt. Die IS-Terroristen hätten ihnen nur wenige Minuten zum Verlassen ihrer Dörfer gegeben, berichteten die Vertriebenen. Selbst passiver Widerstand sei mit Enthauptungen bestraft worden. 

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