Isfahan feiert. Nach Jahren der Trockenheit führt die Lebensader der Vier-Millionen-Stadt, der Fluss Zeyanderud, wieder üppig Wasser. Bis weit nach Mitternacht sitzen die Familien am Ufer beim Picknick oder rauchen auf der Pol-e Khadjou eine Wasserpfeife. Die fast 400 Jahre alte Ziegelbrücke war lange Zeit der Treffpunkt der Isfahaner Jugend und Studenten. Heute gibt es «coolere» Plätze. Auch der Tee, das Lieblingsgetränk der Iraner, ist offenbar out.

Nicht Tee- sondern modern eingerichtete Kaffeehäuser laden, in Neu-Djolfa, dem Armenierviertel von Isfahan, zum Verweilen ein. Täuschend echt sind die Leuchtreklamen von Starbucks, Lavazza und Barista. Dennoch ist alles «Made in Iran». Die Kaffeemaschinen habe man sich in Dubai besorgt. Die Kaffeemischungen kämen regelmässig aus Beirut, erzählt Hagop stolz. Bis zur Aufhebung der Sanktionen, so der Armenier, habe er nicht warten wollen.

Dass der Kaffee wegen der Umwege genauso teuer ist wie in Paris oder Dubai, nehme seine Kundschaft in Kauf. Schliesslich biete er einen «Orginal Lavazza» an. Verlässt man die Kaffeemeile, auf der Frauen und Männer Seite an Seite flanieren und – ohne sich zu berühren – hemmungslos miteinander flirten, erreicht man den Apple-Store von Isfahan. Der Laden ist eine perfekte Kopie des Originals. Auch der Mango-Shop ein paar Häuser weiter wird von Lieferanten in Dubai bestückt. Sie sorgen auch für die Abwicklung von Kreditkartenzahlungen, die wegen der internationalen Strafmassnahmen in Iran unmöglich sind. Der Midane Imam, der grandiose rechteckige Platz, der einmal als Polospielfeld diente, ist das Zentrum des religiösen und weltlichen Lebens. Fehreschdeh führt dort Touristen, die seit der Wahl von Hassan Rohani zum Staatspräsidenten wieder in Scharen kommen. «Meine Agentur ist für 2015 und 2016 vollkommen ausgebucht», berichtet die junge Frau. Keiner der vielen Veranstalter habe Grund zum Klagen. Sogar aus den USA kämen wieder Touristen. Es sind Leute wie Philip Atkinson, der vor der Revolution in Iran arbeitete und nun extrem überrascht ist, wie positiv sich das Land entwickelt.

Schon wenige Tage nach seiner Ankunft habe er «sämtliche Vorurteile begraben», sagt der pensionierte Flugzeugmechaniker aus Ohio bei einem Glas frisch gepresstem Granatapfelsaft. Im Gegenzug zu früher seien die Iraner heute gelassener, freundlicher. Wegen der Sanktionen habe er eigentlich verzweifelte Menschen erwartet. Stattdessen spüre er «so etwas wie Aufbruchstimmung».

Attraktiv für westliche Investoren

Das mag vor allem daran liegen, dass die meisten Iraner fest mit der Aufhebung der Sanktionen rechnen. Die Zahl der arbeitslosen Akademiker werde dann sinken, weil ausländische Unternehmen wieder Iraner einstellen würden, hofft Fereschdeh. Ali, der Verlobte der Reiseführerin, rechnet mit Investitionen in allen Bereichen. Von einem befreundeten europäischen Delegierten habe er gehört, dass westliche Industrielle geradezu sehnsüchtig auf die Rückkehr nach Iran warteten.

Ein westlicher Diplomat in Teheran bestätigt diese Einschätzung. Natürlich sei Iran für Investoren hoch attraktiv. «Das heisst aber nicht, dass die Sanktionen dem Land nur geschadet haben. Die iranische Wirtschaft ist auch wegen der Strafmassnahmen robuster, als sich die meisten vorstellen können», gibt der Diplomat zu bedenken.

Die Sanktionen hätten Iran nicht daran gehindert, in allen Millionenstädten Untergrundbahnen zu bauen und das riesige Land mit vierspurigen Autobahnen zu durchziehen. Die iranische Lebensmittelindustrie versorge mit ihren Produkten Afghanistan und zahlreiche Länder Zentralasiens. Mit dem Export von Kacheln und Keramik verdiene die islamische Republik jedes Jahr 700 Millionen Euro. Nahezu alles, berichtet der Diplomat weiter, was früher importiert worden sei, werde heute im Land produziert.

Studentinnen wollen ins Ausland

Auf dem Weg von Isfahan nach Teheran halten wir in Natans. Wegen der Urananreicherungsanlage hatten wir erwartet, einen grossen Bogen um die Stadt machen zu müssen. Stattdessen besuchen wir die Freitagsmoschee mit ihrem hoch aufstrebenden Minarett und kommen unter einer schattenspendenden Platane mit einer Gruppe iranischer Architekturstudentinnen ins Gespräch. Sie hoffen, nach der Aufhebung der Sanktionen einige Semester in Europa studieren zu können. «Iran ist mir zu langweilig», sagt Simin. Nach der Wahl Rohanis habe sich zwar einiges zum Guten entwickelt. So seien die Sittenwächter von den Strassen verschwunden. Damit hätten auch die ständigen Bevormundungen aufgehört. Niemand könne ihr aber garantieren, dass nach einem Scheitern der Atomverhandlungen nicht wieder die Hardliner an die Macht kämen.