Am 3. Dezember noch liess sich der Reporter Claas Relotius in Berlin als Sieger des Deutschen Reporterpreises 2018 feiern. Drei Wochen später steht der 33-jährige Ausnahmejournalist wegen einer weit weniger rühmlichen Sache schon wieder im Rampenlicht. Das Hamburger Nachrichtenmagazin «Der Spiegel» hat gestern mitgeteilt, dass mehrere der 55 Texte, die Relotius für das Magazin geschrieben hatte, gefälscht seien. Relotius hat als Journalist auch für die «NZZ am Sonntag» und die «Weltwoche» geschrieben. Im Februar 2017 haben auch die Verbundzeitungen der AZ Medien einen seiner Texte mit dem Titel «Cowboys im Visier» publiziert. Ob dieser Text ebenfalls frei erfunden war, wird derzeit abgeklärt.

Aufgeflogen ist Relotius wegen seiner letzten «Spiegel»-Story über eine amerikanische Bürgerwehr, die entlang der mexikanischen Grenze patrouilliert. Den Text mit dem Titel «Jaegers Grenze» hat Relotius gemeinsam mit dem «Spiegel»-Reporter Juan Moreno geschrieben. Während Relotius in den USA recherchierte, machte sich Moreno in Mexiko auf Spurensuche. Moreno schöpfte bald Verdacht, dass Relotius weite Passagen seines Textes frei erfunden hatte. Er fand heraus, dass einige der von Relotius portraitierten Figuren bereits in anderen Artikeln unter anderem Namen erschienen waren.

Moreno stellte seinen Reporterkollegen zur Rede. Doch der stritt alles ab. Auch «Spiegel»-intern glaubte man die Anschuldigungen Morenos nicht. Der grosse Claas Relotius – u.a. vierfacher Träger des Deutschen Reporterpreises, CNN-Journalist des Jahres und laut Forbes einer der 30 Top-Journalisten un-ter 30 –, ausgerechnet er ein Fälscher? Nein, das kann nicht sein.

Claas Relotius bei der Verleihung des Liberty Awards im Jahr 2017.

Claas Relotius bei der Verleihung des Liberty Awards im Jahr 2017.

Fiktive Hinrichtungen

Juan Moreno aber war sich seiner Sache sicher. Er reiste mit einem befreundeten Fotografen in die USA und machte sich auf die Suche nach den Protagonisten, die Relotius für «Jaegers Grenze» angeblich getroffen und interviewt hatte. Moreno fand zwei der Protagonisten. Beide versicherten ihm, nie mit Relotius gesprochen zu haben.

Zurück in Hamburg überreichte Moreno das Beweismaterial seinen Chefs. Die stellten Relotius am vergangenen Donnerstag zur Rede. Zögerlich gab er zu, manche seiner Geschichten frei erfunden und zahlreiche andere mindestens unjournalistisch ausgeschmückt zu haben. Frei erfunden war etwa «Die letzte Zeugin», eine vermeintliche Reportage über eine Amerikanerin, die Woche für Woche zu Hinrichtungen in amerikanischen Gefängnissen reist, weil sie den zum Tode Verurteilten die letzte Ehre erweisen will. Erfunden ist auch die Story «Löwenjungen» über zwei irakische Knaben, die vom IS entführt und zu Selbstmordattentätern ausgebildet werden. Auch Relotius’ Stück «In einer kleinen Stadt» über Trump-Wähler im ländlichen Amerika ist nichts als Fiktion.

Ein kleiner Gott

Relotius, der sein Büro geräumt und seine Kündigung beim «Spiegel» eingereicht hat, erklärte seine krassen Verfehlungen mit dem hohen Erwartungsdruck, den er unbedingt habe erfüllen wollen. Die Angst, als Reporter zu scheitern, habe ihn dazu getrieben, im Notfall seine Geschichten zu erfinden. Auf eine Anfrage dieser Zeitung reagierte der gefallene Star-Schreiber nicht.

Beim «Spiegel» selber zeigt man sich erschüttert über die Angelegenheit. Der Fall Relotius markiere «einen Tiefpunkt in der 70-jährigen Geschichte» des Magazins. «Claas Relotius hat alle geblendet.» Er habe seine Figuren aus Krümeln geschaffen, die er irgendwo im Internet zusammenrecherchierte «wie ein verspielter kleiner Gott». Das wahre Ausmass des Fälschungsskandals wird seit dieser Woche mit einer von der «Spiegel»-Leitung eingesetzten Kommission untersucht.