Herr Stegner, wie soll die SPD auf das Angebot der Kanzlerin reagieren, mit ihr über die Möglichkeit einer Grossen Koalition zu sprechen?

Ralf Stegner: Die Situation, die wir jetzt haben, ist ja dadurch entstanden, dass die Kanzlerin in ihren Verhandlungen über ein «Jamaika»-Bündnis krachend gescheitert ist. Deswegen müssen nun alle demokratischen Kräfte miteinander sprechen – das gilt auch für die SPD. Das versteht sich von selbst und deshalb verweigern wir uns dem auch nicht.

Sie schliessen die Neuauflage der Grossen Koalition nun doch nicht aus? Ihr Parteichef Martin Schulz hat noch diese Woche betont, eine GroKo käme für die SPD nicht infrage.

Wir wollen nach wie vor weder eine Grosse Koalition noch rasche Neuwahlen. Letzteres, finde ich, kann man nicht wollen. Schliesslich wollen wir den Bürgern nicht erzählen: Nun wird so lange gewählt, bis das Ergebnis passt. Und zur Neuauflage der Grossen Koalition: Wir haben schon am Tag der Bundestagswahl gesagt, dass ein Stimmverlust von zwölf Prozent für die beiden Parteien der Grossen Koalition eine klare Absage der Wähler an ein «Weiter-so» ist. Aber zwischen Neuwahlen und Grosser Koalition gibt es ja noch andere Möglichkeiten, über die man reden muss.

Zum Beispiel eine Minderheitsregierung, etwa aus Union und den Grünen. Würde die SPD ein solches Minderheitsbündnis tolerieren?

Man sieht in Europa, dass es verschiedenste Modelle von Minderheitenregierungen gibt: mit wechselnden Mehrheiten, mit Tolerierungen und anderen Varianten. Wir müssen nun darüber reden, ob solche Modelle realistisch für uns sind. Dafür muss man sich Zeit nehmen und mit allen demokratischen Parteien im Bundestag sprechen. Ich möchte aber noch etwas hinzufügen.

Bitteschön.

Es wäre ja schon seltsam, der SPD nun die Pistole auf die Brust zu setzen – Neuwahlen oder Grosse Koalition –, wenn die anderen vier Parteien, die zusammen eine Mehrheit haben – und übrigens sind unter ihnen auch zwei Wahlgewinner –, das nicht zustande bringen und nun in unsere Richtung sagen: Jetzt müsst ihr aber! Wir sind aber nicht das Reserverad für das ins Schlingern geratene Fahrzeug von Frau Merkel. Das kanns ja wirklich nicht sein.

Ralf Stegner ist stellvertretender Bundesvorsitzender der SPD.

Ralf Stegner ist stellvertretender Bundesvorsitzender der SPD.

Wäre es theoretisch auch denkbar, dass die SPD eine Minderheitsregierung – zum Beispiel mit Grünen und FDP oder der Linkspartei – bildet, wenn es die Union mit Frau Merkel nicht zustande bringt?

Was das Ergebnis der verschiedenen Gespräche sein wird, ist derzeit schwer zu sagen. Möglicherweise werden wir eine spannende neue Konstellation erleben, in der der Bundestag eine starke Rolle spielt ohne eine feste Koalition.

Kanzlerin Merkel zieht – kommt die GroKo nicht – Neuwahlen dem Experiment einer Minderheitsregierung vor. Halten Sie Neuwahlen für gefährlich?

Es sind vor allem demokratietheoretische Argumente, Neuwahlen als Ultima Ratio zu betrachten. Den Wählern zu sagen: Ihr habt euch zwar entschieden, wir sind aber nicht imstande, damit umzugehen – das ist kein gutes Argument für Neuwahlen. Aber es liegt nicht allein in der Hand der SPD, diese zu verhindern.

Im Falle von Neuwahlen: Sollte die SPD ihre Spitze neu aufstellen oder soll es dannzumal nochmals SPD-Chef Martin Schulz machen, der das historisch schlechteste Ergebnis für die SPD mitzuverantworten hat?

Ich glaube, man muss zuerst das eine tun und erst dann über das andere reden. Aber diese Frage stellt sich jetzt nicht. Wir streben keine Neuwahlen an. Sollte es dennoch dazu kommen, werden wir sehr schnell eine Lösung finden. Der Vorsitzende hat das Vorschlagsrecht.

Die Schweiz verfügt mit dem System der Konkordanz über äusserst stabile Verhältnisse. Kann die Schweiz für Deutschland Vorbild sein?

Ich glaube, eine Dauer-Grosse-Koalition, wie wir sie in der Schweiz sehen, wäre kein Rezept für Deutschland. Das würde dazu führen, dass in Deutschland die politischen Ränder gestärkt werden. Das kann man sich nicht wünschen. Wir wollen eine Volkspartei Mitte-Links, die SPD, und eine Mitte-Rechts haben. Diese sollen sich im Regelfall in Regierung und Opposition gegenüberstehen.

Kanzlerin Angela Merkel scheint in ihrem 12. Amtsjahr angeschlagen zu sein. Neigt sich ihre Amtszeit dem Ende entgegen?

Ich glaube, der Stern von Frau Merkel sinkt. Das kann man schon daran festmachen, dass sie über vier Wochen Sondierungsverhandlungen geführt hat, gänzlich uninspiriert und mit einem krachenden Scheitern. Wenn man solche Verhandlungen führt, muss man sie zum Erfolg bringen. Das ist der Kanzlerin nicht gelungen. Die Diskussion über ihre Nachfolge in der Union hat ja schon längst begonnen.