Spanien

Spaniens Botschafterin: «Puigdemont glaubt, er stehe über dem Gesetz»

Spaniens Botschafterin Aurora Diaz-Rato spricht im Interview über Carles Puigdemonts Flucht und den Weg zurück zur Normalität.

Seit diesem Jahr ist Aurora Díaz-Rato Spaniens Botschafterin in Bern. Sie empfängt die «Schweiz am Wochenende» in ihrem Büro mit Blick in den schneebedeckten Garten. «Mein erster Schnee in der Schweiz», sagt sie zur Begrüssung. «Wunderschön.» Für den nach Belgien geflohenen abgesetzten Regionalpräsidenten Kataloniens, Carles Puigdemont, findet sie ganz andere Worte.

Frau Botschafterin, geht es nach Andreas Glarner, dem Asylchef der SVP, wäre Carles Puigdemont schon längst in der Schweiz – er hat ihn vor kurzem eingeladen. Bekommt die spanische Gemeinde in der Schweiz bald berühmten Zuwachs?

Aurora Díaz-Rato: Wenn Herr GlarnerCarles Puigdemont gerne bei sich zu Hause hätte, dann hätte er ihn vor dessen Flucht einladen sollen. Jetzt kann er nicht mehr kommen. Er darf nicht aus Belgien raus. Aber ob Puigdemont es trotzdem macht, weiss keiner. Vielleicht kommt er dennoch und hintergeht somit auch das belgische Gesetz.

In der Schweiz leben mehr als 100 000 Spanier. Sind die eigentlich für oder gegen eine Abspaltung Kataloniens?

Es sind sogar 120 000 Spanier, davon 38 000 Katalanen. Der Schweizer Ableger des ANC (eine Bürgerinitiative, die sich für die Unabhängigkeit Kataloniens in der Schweiz einsetzt, Anm. d. Red.) war sehr aktiv, es kamen aber wenig Leute. Zur Demonstration in Bern kamen 200 Leute, in Zürich weniger als 80. Insgesamt nehme ich wahr, dass die Spanier in der Schweiz mit der ganzen Situation objektiver umgehen, gerade weil sie das Ganze aus der Distanz betrachten.

Hat es Sie überrascht, dass Puigdemont nach Belgien geflüchtet ist?

Katalonien war in einer Situation, in der alles möglich war.

Puigdemont ist der Meinung, dass er in Spanien kein faires Verfahren bekommt. Hat er recht?

Dass Puigdemont mit seinen Anhängern unter dem Deckmantel, kein faires Verfahren zu bekommen, geflüchtet ist, ist absurd. Seine Parteikollegen, die sich in Spanien befinden, haben ein faires Verfahren bekommen. Puigdemont und seine Leute glauben, sie stünden über dem Gesetz.

In Katalonien ist die Lage vor einigen Wochen eskaliert. Woher kommt der unbedingte Abspaltungswille?

Das ist etwas, das sich jahrelang aufgebaut hat, vor allem in der Bildung. Die spanische Geschichte wurde und wird in Katalonien immer noch sehr nationalistisch rübergebracht. Und genau diese Schüler, die diese Bildung erhalten haben, gehen heute wählen. Das ist ein Grund. Ein weiterer ist die Krise.

Die Wirtschaftskrise von 2010.

Spanien hat Schäden davongetragen. In einigen autonomen Regionen haben linke Populisten an Macht gewonnen. Der Hass richtete sich nicht gegen die Banken, sondern gegen einen äusseren Feind: Madrid. Und damit das gesamte Land Spanien. Für die Probleme in Katalonien wurde anderen die Schuld gegeben.

In drei Wochen finden in Katalonien Regionalwahlen statt. Was wird sich nach den Wahlen ändern?

Es ist nicht so wichtig, was bei den Wahlen herauskommt. Entscheidend ist, dass sich alle Parteien an die Gesetze halten.

Kann Spanien nach den Ereignissen der letzten Wochen überhaupt noch mal zur Normalität zurückkehren?

Bismarck hat einmal gesagt: «Spanien ist das stärkste Land der Welt. Seit Jahren versucht es, sich selbst zu zerstören, aber schafft es einfach nicht.» Wir haben Spanien immer wieder zum Funktionieren gebracht. Deswegen wird es auch dieses Mal wieder klappen. Denken Sie nur an das Baskenland. Dort litt man jahrelang unter einer terroristischen Gruppe, der ETA, und jetzt ist es eine normale Region, wie jede andere auch. Katalonien hat viel verloren. Trotzdem wird man einen Weg finden. Wie immer. Madrid hat mit den Katalanen über alles geredet, ausser über das, was die Verfassung verbietet: eine Abspaltung. Das ist schliesslich nirgendwo erlaubt. In Spanien nicht, in der Schweiz nicht, in Deutschland nicht, in Amerika nicht. Nirgendwo.

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