Grossbritannien

Sorry, closed! Auch die Briten müssen zuhause bleiben – und Boris Johnson muss mit seiner Mutter skypen

Ausgefeiert: Die Briten müssen vorerst bis Ostern auf das abendliche «Cheers, mate!» verzichten.

Ausgefeiert: Die Briten müssen vorerst bis Ostern auf das abendliche «Cheers, mate!» verzichten.

Auch das Mutterland der Pubs muss ab sofort auf den Umtrunk in den geliebten Knellen verzichten. Die Briten sind nicht «amused».

Unausweichlich gemacht hatte den spektakulären Schritt die liebe Sonne. Nach dem feuchtesten Februar seit Menschengedenken und eiskalten Märzwinden herrschte am vergangenen Wochenende auch auf der britischen Insel herrliches Frühlingswetter.

Prompt taten die Briten, was sie ebenso sehr für ihr Recht als freie Bürger halten wie den abendlichen Pubbesuch: Sie zogen zu Hunderttausenden an die herrlichen Strände, auf die Hügel, in die Wälder ihrer Heimat, Corona hin oder her.

Boris Johnson muss mit seiner Mutter skypen

Am Montag dann verteilten die Opposition und die Medien ihre Empörung gerecht auf Öffentlichkeit und Regierung. Weil Erstere offenbar den Ernst der Bedrohung durch das Coronavirus nicht erkannt habe, müsse Letztere endlich härter durchgreifen, forderte etwa Labours Gesundheitssprecher Jonathan Ashworth.

Und tatsächlich: Am Montagabend trat Premierminister Boris Johnson in der Downing Street vor die Kamera und verfügte, was angesichts rasch ansteigender Corona-InfiziertenZahlen längst unausweichlich war: Ab sofort gelten auf der Insel die gleichen Ausgangsbeschränkungen wie etwa in der Schweiz und in Deutschland.

Nur für Arzt- oder Apothekenbesuche, dringlichste Einkäufe und täglich eine Jogging-, Fahrrad- oder Spazierrunde ist das Verlassen der eigenen vier Wände noch erlaubt. Versammlungen von mehr als zwei Personen sind verboten, auch Hochzeiten und Taufen. Einzige Ausnahme bilden Beerdigungen. Pubs, Restaurants und Fitness-Studios waren bereits seit Freitag geschlossen, nun kommen sämtliche Einzelhändler jenseits der Lebensmittelversorgung hinzu. Die häusliche Isolierung gilt zunächst für drei Wochen bis Osterdienstag.

Damit ist die politische und medizinische Kehrtwende vollzogen, die Grossbritannien in die gleiche Position versetzt wie seine Nachbarn. Noch vor zwei Wochen hatte Johnson es dabei belassen, seine Landsleute in gewohnter Leutseligkeit zu längerem und häufigeren Händewaschen aufzufordern.

Und bis zuletzt transportierten die Auftritte des Premierministers häufig verwirrende Botschaften. So teilte Johnson noch am Freitag mit, er freue sich auf ein Wiedersehen mit seiner Mutter zum britischen Muttertag am Sonntag. Hastig musste Downing Street später erläutern, der Chef habe eine Begegnung per Skype gemeint.

Sportartikelgeschäft wollte sich verweigern

Am Montagabend gab sich der zuletzt überfordert wirkende 55-Jährige keine Blösse: «Sie müssen zu Hause bleiben, um Tausende von Menschenleben zu retten», forderte er seine Mitbürger auf.

Ob sich die Bevölkerung an die harten neuen Vorgaben halten wird? Billig-Sportartikelanbieter Mike Ashley polterte am Dienstag früh, seine Läden würden offen bleiben, schliesslich müssten die Briten ja irgendwo Turnhemden kaufen. Ein Regierungsedikt machte dem Begehren ein Ende. Sollte es aber zu grösseren Versammlungen in Parks und auf öffentlichen Plätzen kommen, wäre die Polizei wohl rasch überfordert.

Das Unterhaus hat am Montag ein Notstandsgesetz verabschiedet, das in sechs Monaten überprüft werden soll. Es ermöglicht der Polizei die Festnahme von Test-Verweigerern und Infizierten und der Regierung die Rationierung von Lebensmitteln.

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