Frankreich

Sogar die Marsaillaise klang trist

Angela Merkel und Emmanuel Macron beim Besuch der Lichtung von Rethondes, wo Deutschland und Frankreich 1918 den Friedensvertrag unterzeichnet hatten. P. Wojazer/Key

Angela Merkel und Emmanuel Macron beim Besuch der Lichtung von Rethondes, wo Deutschland und Frankreich 1918 den Friedensvertrag unterzeichnet hatten. P. Wojazer/Key

Macron lud zur Weltkriegs-Schlussfeier – und musste ein Missverständnis ausräumen.

An alles hatten die französischen Organisatoren der 100-Jahr-Feier des Ersten Weltkrieges (1914–1918) gedacht – ausser an die Schirme. Viele der rund 70 geladenen Staats- und Regierungschefs, darunter Alain Berset aus der Schweiz, mussten sich im strömenden Regen über die Champs-Élysées zum Triumphbogen bewegen. Der kurze Fussmarsch in geschlossener Formation hätte trotzdem ein schönes Friedenssymbol werden können, wenn Donald Trump nicht aus der Reihe getanzt wäre. Der US-Präsident fuhr getrennt in seiner Hochsicherheits-Staatskarosse vor. Ähnlich vorsichtig zeigte sich der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu. Auch er mischte sich aus Sicherheitsgründen nicht unter die Flaneure auf den Champs-Élysées. Dass barbusige Femen-Aktivistinnen den Polizeikordon durchbrechen und sich dem US-Konvoi nähern konnten, war kein gutes Zeugnis für das Sicherheitsdispositiv mit 10 000 Ordnungshütern.

Spät gelandet, schaffte es auch der russische Präsident Wladimir Putin gerade noch rechtzeitig an die Zeremonie, die ganz auf den französischen Präsidenten zugeschnitten war. Als endlich alle vereint waren, hörten sie Ravels Bolero sowie von Jugendlichen verlesene Weltkriegszeugnisse. Sogar die obligate Marseillaise klang für einmal trist.

Macrons warnende Worte

Am Grab des unbekannten Soldaten erinnerte Macron an die zehn Millionen Toten, sechs Millionen Verwundeten und sechs Millionen Waisen des «Grande guerre» (grosser Krieg), wie man in Frankreich sagt. Zudem habe der Waffenstillstand des 11. November, so Macron, «leider nicht den Frieden gebracht», sondern letztlich im Zweiten Weltkrieg gemündet. «Und es gibt alte Dämonen, die zurückkommen», warnte der Präsident. «Die Gefahr droht, dass die Geschichte wieder ihren düsteren Weg nehmen könnte.»

Patriotismus sei das genaue Gegenteil von Nationalismus, meinte Macron nicht nur an die Adresse der Weltkriegsnationen, sondern auch in Richtung der französischen Rechtsextremistin Marine Le Pen. Sie hatte am Vortag auf den Schlachtfeldern von Verdun deklariert, der Erste Weltkrieg habe Frankreich den «grössten militärischen Sieg seiner Geschichte» beschert. Macron seinerseits hatte darauf verzichtet, den 11. November wie in Frankreich üblich als «Tag des Sieges» zu feiern. Am Samstag hatte er mit der deutschen Kanzlerin Angela Merkel in Compiègne, dem Ort der Waffenstillstandsunterzeichnung, lieber «den Wert der deutsch-französischen Versöhnung» herausgestrichen.

Mit Merkel besuchte erstmals ein deutscher Regierungschef jene Waldlichtung nördlich von Paris, wo Adolf Hitler 1940 die damals unterlegene französische Armee in einem Racheakt gedemütigt hatte. Merkel sorgte am Samstag für den wohl einprägsamsten Moment der ganzen Zeremonien, als sie sich in Compiègne kurz an Macrons Wange schmiegte – eine Geste enger Freundschaft und ein Triumph über den blinden Nationalismus von anno 1918.

Trump wütet, Putin lobt

Leiden musste in Paris hingegen eine Männerfreundschaft. Nachdem sich Macron für die Bildung einer europäischen Armee ausgesprochen hatte, twitterte Trump vor seiner Ankunft in Paris, das sei eine «sehr beleidigende Idee». Er bezog sich auf den Hinweis des Franzosen, dass sich Europa gegen äussere Drohungen «aus China, Russland und sogar den Vereinigten Staaten» schützen müsse (eine Idee, die Russlands Präsident Putin als «positiven Prozess» lobte). Macron hatte die USA allerdings nur im Zusammenhang mit politisch motivierten Hackerangriffen genannt, was Trump wohl entgangen war. Wütend twitterte der US-Präsident weiter, die Europäer täten besser daran, einen höheren Anteil an das Nato-Budget zu zahlen. Bei einer Unterredung erklärte Macron sodann versöhnlich, er sei bereit dazu.

Der geeignete Ort zur Lösung dieses diplomatischen «Missverständnisses» wäre eigentlich das von Macron in der Pariser Villette-Halle organisierte «Friedensforum» gewesen. Daran nahmen am Sonntagnachmittag neben Merkel, Macron und UNO-Sekretär António Guterres auch Putin und der türkische Präsident Erdogan teil. Der US-Präsident war zu dem Zeitpunkt aber bereits wieder abgereist. Zusätzlich verärgert haben dürfte Trump der Spott, der ihm aus Washington entgegenschlug, weil er den Besuch eines US-Soldatenfriedhofs in Frankreich «wetterbedingt» abgesagt hatte.

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