Plastik ist überall: In Verpackungen, verarbeitet in Produkten, als millimeterkleine Bestandteile im Shampoo. 25 Millionen Tonnen Kunststoffabfälle produzieren Europäerinnen und Europäer pro Jahr. Nur gerade 30 Prozent davon werden wiederverwertet. Der Rest landet auf der Müllkippe, in der Verbrennungsanlage – oder im Meer.

Bilder von mit Plastikabfall verdreckten Stränden oder schwimmenden Müllteppichen führen diese Tatsache eindrücklich vor Augen. «Wenn wir nicht die Art und Weise ändern, wie wir Kunststoffe herstellen und verwenden, wird 2050 in unseren Ozeanen mehr Plastik schwimmen als Fische», zitiert EU-Vizepräsident Frans Timmermans gestern Schätzungen von Wissenschaftlern. Zusammen mit Kommissar-Kollege Jyrki Katainen präsentierte er deshalb in Strassburg die Strategie der EU-Kommission gegen Kunststoffabfälle.

Klar ist: Im Vordergrund steht der Umweltschutz. Aber nebenbei geht es auch um die Erschliessung eines lukrativen Marktes. Seit China per Anfang Jahr seine Rolle als Müllkippe der Welt aufgegeben und den Import von Plastikmüll und anderem Abfall gestoppt hat, sitzt Europa auf einem wachsenden Kunststoffberg. Dessen Recycling hat sich bislang kaum gelohnt.

Die Ölpreise sind niedrig und damit die Kosten für die Herstellung von Plastik. So kommt es, dass 95 Prozent des Wertes von weggeworfenen Verpackungen nach sehr kurzer Verwendungszeit verloren geht. Gegen 100 Milliarden Euro schätzt der für Wettbewerb und Wachstum zuständige Katainen das Potenzial von Kunststoff-Recycling in Europa.

Gefährdeter Plastik-Kaffeebecher

Neben dem tiefen Erdölpreis ist das Hauptproblem, dass fehlende Standards die Wiederverwertung von Plastik-Verpackungen erschweren. Bislang stehen bei der Produktion das Design und die Anwendung im Vordergrund. Je nach Anforderung werden verschiedene Polymere zusammengemischt, was ein gemeinsames Recycling verkompliziert.

Neue Vorschriften für Verpackungen sollen nun deren Recyclingfähigkeit verbessern. Das ehrgeizige Ziel lautet, bis 2030 alle Plastikverpackungen wiederverwendbar oder mehrfach nutzbar zu machen. Der Gebrauch von Einwegprodukten wie Essgeschirr oder Plastik-Kaffeebechern soll eingedämmt und die Verwendung von Mikro-Plastiken in Kosmetika beschränkt werden. Zudem werden europäische Häfen in Zukunft zur Aufnahme von Abfall verpflichtet, der auf Schiffen anfällt. Übrigens: Bereits per November 2016 mussten die EU-Mitgliedstaaten Massnahmen ergreifen, die Verwendung von Plastiktüten zu verringern. Bis 2019 soll der Verbrauch gegenüber 2010 um 80 Prozent sinken.

Die EU-Kommission betont, dass die neuen Massnahmen der Kunststoffbranche, die in Europa rund 1,5 Millionen Menschen beschäftigt und im Jahr 2015 rund 340 Milliarden Euro umgesetzt hat, nicht schaden sollen. Vielmehr sei es «eine grosse Chance für die europäische Industrie, eine weltweite Führungsrolle bei neuen Technologien und Materialien zu übernehmen», so EU-Kommissar Katainen.

Eine Plastiksteuer, wie sie EU-Budget-Verantwortlicher Günther Oettinger vergangene Woche angekündigt hatte, schaffte es gestern nur als vage Möglichkeit in den Vorschlag. Branchenverbände hatten sich denn auch umgehend gegen die Idee gewehrt. Und auch Katainen scheint von einer EU-weiten Plastiksteuer nicht überzeugt. Wenn es eine solche geben sollte, dann müsse ihre Geltung sehr eng begrenzt werden. «Wir schauen uns das an», meinte der Finne aber immerhin.