Syrien/Irak

So macht der IS aus Kindern Attentäter

In Kirkuk nahmen Sicherheitskräfte am Sonntagabend einem Jungen einen Sprengstoffgürtel ab.

In Kirkuk nahmen Sicherheitskräfte einem Jungen einen Sprengstoffgürtel ab.

Der Anschlag in der Türkei war kein Einzelfall – im Nordirak stoppte die Polizei einen Minderjährigen mit Sprengstoffgürtel.

Die nordirakische Stadt Kirkuk erlebte am Sonntagabend dramatische Momente. Der schlaksige Halbwüchsige im Trikot des Barcelona-Stars Lionel Messi fiel kurdischen Polizisten auf, weil er bei der Kontrolle plötzlich anfing zu schluchzen. Unter seinem T-Shirt steckte ein weisser Sprengstoffgürtel.

Zwei Uniformierte hielten den Jungen sofort an seinen Armen fest und holten Peschmerga-Spezialisten zu Hilfe. Diese schnitten mit einer Zange Kabel und Halterungen durch. Als der Gürtel zu Boden fiel, zerrten die Männer den Jungen schnell weg von dem Mordinstrument, während Schaulustige erleichtert applaudierten.

Mit verstörtem Blick starrte der Teenager in die Nacht, sein Barcelona-Shirt mit der gelben Nummer 10 lag zerrissen auf dem Asphalt. Dann schoben ihn die Beamten in einen Polizeiwagen, wo der Kleine mit blossem Oberkörper erneut anfing zu weinen, und fuhren davon.

Vermutlich steckt der IS dahinter

Bislang hüllen sich die kurdischen Behörden in Schweigen über die Hintergründe des verhinderten Attentates, wer den Buben präpariert und geschickt hatte und wo genau er sich in die Luft sprengen sollte. Doch vieles deutet darauf hin, dass auch in Kirkuk – wie tags zuvor bei der Explosion inmitten einer Hochzeitsgesellschaft im türkischen Gaziantep – der Islamische Staat dahinter steckt.

«Der Islamische Staat mobilisiert Kinder und Jugendliche in einem wachsenden und beispiellosen Masse», urteilt die bisher einzige Studie zu dem Thema, die von der «Georgia State University» in Atlanta erarbeitet wurde. Dazu werteten drei Forscher insgesamt 89 Twitterfotos und -videos aus, auf denen zwischen Januar 2015 und Januar 2016 Kinder und Jugendliche im Alter zwischen acht und 18 Jahren als sogenannte IS-Märtyrer gefeiert werden.

Etwa 40 Prozent ihrer Gewalttaten sind Selbstmordattentate mit Dynamit gefüllten Autos. 33 Prozent der Halbwüchsigen starben als Kämpfer auf dem Schlachtfeld, 18 Prozent nahmen an sogenannten Inghimasis-Operationen teil, bei denen Gruppen von Kämpfern mit leichten Waffen hinter die Linien ihrer Gegner einsickern und sich dann gemeinsam in die Luft sprengen.

Die weit überwiegende Zahl der dokumentierten Kinder-Attentate richtete sich gegen Polizisten, Soldaten oder Milizionäre. Lediglich in drei Prozent der Fälle sprengten sich Jugendliche inmitten von Zivilisten in die Luft. Solche Aktionen sind «eine sehr effektive Form von psychologischer Kriegsführung», urteilen die Wissenschafter, die mit zunehmenden IS-Einsätzen von Minderjährigen rechnen.

Alphabet in Dschihadistenmanier

Zehntausende Heranwachsende werden seit Mitte 2014 in den Schulen des «Islamischen Kalifates» indoktriniert. Die Schulbücher, die Hass und Verachtung für Andersgläubige lehren, stammen fast alle aus Saudi-Arabien. Obendrein entwickelte der IS eine spezielle LernApp für «die Jungen des Kalifats», das den Kleinen das arabische Alphabet auf Dschihadistenmanier beibringen soll. Jeder Buchstabe ist als Merkhilfe verknüpft mit dem Bild von Panzern, Gewehren, Granaten, Minen oder Schwertern.

Mit dieser diabolischen Praxis steht der Islamische Staat im Nahen und Mittleren Osten keineswegs allein. Auch die Taliban in Pakistan unterhalten Anstalten, in denen sie minderjährige Selbstmordattentäter ausbilden. Die Houthis im Jemen setzen Kinder als Soldaten ein, die libanesische Hisbollah rekrutiert Jugendliche, um die Verluste auf dem syrischen Schlachtfeld auszugleichen.

Keine der radikalen Organisationen jedoch setzt Kinder und Jugendliche so schockierend und bewusst zu Propagandazwecken ein wie der IS. So zeigt inzwischen eine Fülle von Videos maskierte Kinder oder Teenager, die vor ihnen knieende Soldaten oder angeblich enttarnte Spione per Kopfschuss hinrichten.

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