Die Region rund um das Südchinesische Meer ist heftige Tropenstürme gewöhnt. Jedes Jahr in den Sommermonaten fegen Dutzende Taifune über das subtropische Gebiet und hinterlassen umgeknickte Bäume, überflutete Strassen und überschwemmte Ackerflächen. Doch was Taifun «Mangkhut» am Sonntag auf den Philippinen, in Hongkong, Macau und Chinas bevölkerungsreichster Provinz Guangdong an Zerstörungskraft entfaltete, hat es in der Region seit Aufzeichnung der Wetterdaten noch nicht gegeben.

Mit Windstärken von bis zu 242 Stundenkilometern wütete der Mega-Taifun am Sonntagnachmittag über der Finanzmetropole Hongkong und hinterliess eine Spur der Verwüstung. Ganze Stadtteile waren überschwemmt, Wolkenkratzer schwankten, zerbrochene Fensterscheiben flogen durch die Luft. In einem Hongkonger Stadtteil stürzte ein rund 200 Meter hoher Bauaufzug ein. Auf einem Video ist zu sehen, wie eine Hotellobby komplett in Wasser versinkt. Da der Sturm mehrere Stromleitungen abriss, waren zwischenzeitlich Zehntausende ohne Strom. Bis zum Abend berichtete die Hongkonger Polizei von mindestens 120 Verletzten.

Mangkhut fegt über Hong Kong hinweg – Gebäudeteil stürzt ein

Mangkhut fegt über Hong Kong hinweg – Gebäudeteil stürzt ein

Schäden höher als in den USA

Die Behörden sprachen vom «schlimmsten Taifun seit Aufzeichnung der Wetterdaten». Auch der Sachschaden ist enorm. Die Zeitung «South China Morning Post» zitiert Versicherungsgesellschaften, die in ersten Schätzungen von Schäden in Höhe von umgerechnet 600 Millionen Euro ausgehen. Ein Vertreter aus der Branche wird mit den Worten zitiert, dass die Schäden allein in Hongkong weit über dem liegen würden, als der Wirbelsturm «Florence» in den USA. Humanitär ist «Mangkhut» das ernstere Ereignis», sagt auch Ernst Rauch, Leiter der Klimaforschung des weltgrössten Rückversicherers München Re.

Auch in der benachbarten Stadt Macao hinterliess der Taifun Überschwemmungen und erhebliche Schäden. Erstmals in der Geschichte hatten die dortigen Behörden vorab angeordnet, sämtliche Casinos zu schliessen. Sie wollten nicht noch einmal das Risiko vom vergangenen Jahr eingehen. Der bis dahin schlimmste Taifun seit 50 Jahren hatte vor einem Jahr für schwere Überschwemmungen mit zehn Toten und Hunderten von Verletzten gesorgt. Macaos Behörden wurden hinterher heftig dafür kritisiert, nicht ausreichend vorgesorgt zu haben.

2,4 Millionen Menschen evakuiert

«Mangkhut» bewegte sich am frühen Sonntagabend weiter über die südchinesische Provinz Guangdong und schwächte sich nur allmählich ab. Angesichts der Regenmassen musste auch dort der komplette Verkehr gestoppt werden: Tausende Flüge wurden abgesagt, Hochgeschwindigkeitszugverbindungen und reguläre Bahnverbindungen in der gesamten Provinz gestoppt werden. Die chinesische Regierung hatte vorsorglich 2,4 Millionen Menschen von den besonders küstennahen Orten evakuieren lassen.

Über grössere Schäden und Opferzahlen auf festlandchinesischer Seite war bis zum Abend noch nichts bekannt. Das Perlflussdelta von Guangdong mit den chinesischen Sonderverwaltungszonen Macao und Hongkong gilt wegen seiner hohen Dichte an Fabriken und Hochtechnologiezentren als «Werkbank der Welt». Mehr als 60 Millionen Menschen leben in dem Delta. Die gesamte Region ist wohlhabend. Hongkong und Macao gelten gar als die reichsten Städte der Welt. Beide Städte sind jedoch höchst anfällig für Überschwemmungen.

Taifun «Mangkhut»: So sieht es in Hong Kong nach dem bisher schwersten Sturm des Jahres aus.

Taifun «Mangkhut»: So sieht es in Hong Kong nach dem bisher schwersten Sturm des Jahres aus.

Die nach bisherigem Kenntnisstand meisten Todesopfer beklagen die Philippinen. Dort war der Taifun am Samstag mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 285 Kilometern pro Stunde auf die dicht besiedelte philippinische Insel Luzon gestossen, auf der sich auch die Millionenhauptstadt Manila befindet. Ein Polizeisprecher gab an, dass der Taifun wahrscheinlich bis zu 100 Menschenleben kostete. Die meisten kamen bei Erdrutschen in den armen Bergregionen ums Leben, die durch die heftigen Regenfälle ausgelöst wurden. In einem Dorf in der Gebirgsregion Cordillera sollen Angaben der Polizei zufolge rund 40 Minenarbeiter in ihrer Unterkunft von einem Erdrutsch verschüttet worden sein.