Venezuela

So erlebt ein Berner die Hölle von Caracas: «Es ist furchtbar»

In Caracas flammen seit Tagen immer wieder schwere Krawallen auf.

In Caracas flammen seit Tagen immer wieder schwere Krawallen auf.

Polizisten schiessen auf Demonstranten, Gangster-Banden ziehen durch die Gassen: Wegen des Machtkampfes in Venezuela läuft die Situation völlig aus dem Ruder. Der Berner Fotograf Ronald Pizzoferrato ist mittendrin. Und erzählt, wie sehr die Bevölkerung leidet.

Zuerst fliegen Molotov-Cockails, dann ertönen Gewehrsalven. Polizei und Demonstranten liefern sich in den Strassen der venezoleanischen Hauptstadt Caracas blutige Strassenschlachten. Dutzende Personen sind dabei in den letzten Tagen gestorben.

Am Mittwoch hat sich der 35-jährige Oppositionsführer Juan Guaidó vor Zehntausenden Anhängern zum Interimspräsidenten ernannt. Wie der Machtkampf zwischen ihm und Diktator Nicolás Maduro ausgeht, ist derzeit völlig ungewiss. 

Ronald Pizzoferrato lebt eigentlich in Bern. Für ein Fotoprojekt dokumentiert der gebürtige Venezuelaner seit Monaten die Unruhen in seiner Heimat. Am Telefon schildert er die dramatischen Momente in Caracas.

Unmittelbar neben deiner Wohnung gab es Explosionen. Wie geht es dir?

Ronald Pizzoferrato: In der Nacht ist die Situation in den Quartieren ausser Kontrolle: Polizisten schiessen auf Leute, die zurückballern. Es sind viele Waffen im Umlauf. Gangster und Demonstranten ziehen durch die Gassen und werfen Molotov-Cocktails. Die Szenen erinnern an Bürgerkrieg. Dann herrscht auf einmal plötzlich wieder Ruhe. Während des Tages bin ich mit meinem Töff in der Stadt unterwegs, die Lage ist aber völlig unvorhersehbar. Bei einer Kundgebung haben Polizisten die Geduld verloren und einfach Leute erschossen, um Demonstranten einzuschüchtern. Es ist furchtbar.

Was treibt die Menschen wirklich auf die Strasse?

Egal ob Maduro oder Guaidó: Die Politik ist den meisten Leuten mittlerweile ziemlich egal, sie sind völlig zermürbt.  Denn es geht ums nackte Überleben: Die Demonstranten verlangen Essen, Wasser und medizinische Versorgung. Jeden Tag starben Leute, weil sie nicht richtig behandelt werden können. 

Wo kriegen die Leute ihr Essen her? 

Die Nahrungsmittel sind knapp und wegen der Hyperinflation extrem teuer. Eine Flasche Cola kostet beispielsweise umgerechnet drei Dollar, das ist mittlerweile ein Drittel eines Monatslohns! Mit dem Minimal-Monatslohn kann man sich wegen des dramatischen Wertverlustes nicht einmal mehr eine Mahlzeit kaufen. Viele Leute ernähren sich fast nur noch von den Food-Boxen, welche die Regierung herausgibt.  Doch die Verteilung ist chaotisch und ineffizient. So müssen viele Menschen in Abfallkübeln nach Nahrung suchen. 

Kräftemessen in Venezuela

Kräftemessen in Venezuela

Der venezolanische Parlamentspräsident Juan Guaidó hat dem sozialistischen Regierungschef Nicolás Maduro die Legitimation abgesprochen. Gleichzeitig erklärte er sich selbst zum Übergangs-Staatschef.

Stehen die Leute hinter Oppositionsführer Juan Guaidó?

Für den Durchschnittsbürger ist er kein Held, dies ist er nur für die Reichen und  ausländischen Medien. Manche sehen ihn als Marionette der USA an. Doch er ist derzeit die einzige Möglichkeit,  Maduro loszuwerden. 

Was denkst du: Kann sich Diktator Maduro an der Macht halten?

Man hört viele Gerüchte. Bei der Bevölkerung hat Maduro den Rückhalt verloren. Für ihn gehen nur noch wenige Tausend Leute auf die Strasse. Guaidó hingegen kriegt nun wohl von den USA Geld und kann sich so zumindest Teile der Armeekaufen. Geld ist Macht! Wie die Sache ausgeht, ist aber völlig offen. 

Die Lage ist brenzlig. Überlegst du dir, aus Caracas zu flüchten?

Das kommt für mich nicht infrage, es ist mein Land, meine Stadt. Wir erleben womöglich hier bald einen historischen Moment. Eigentlich hätte ich am 8. Februar in die Schweiz zurückkehren sollen. Wahrscheinlich bleibe ich aber nun länger hier. Es ist meine Aufgabe, den sozialen Kollaps zu dokumentieren.

(amü)

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