Panama Papers

So arbeiteten die verantwortlichen Journalisten: «Wir verwendeten nicht mal mehr Google»

Screenshot Panama-Papers

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11,5 Millionen Dokumente umfassen die Panama Papers, die Anfang April durch die «Süddeutsche Zeitung» an die Weltöffentlichkeit kamen. Ein anonymer Whistleblower hatte sie 2015 der Zeitung zugespielt. Doch wie arbeiteten die verantwortlichen Journalisten an ihrer Recherche?

Plötzlich wurden sogar die Mittagessen unter Kollegen zum Spiessrutenlauf, denn über die Panama-Papers-Recherche zu sprechen, war den involvierten Journalisten selbst innerhalb der «Süddeutschen Zeitung» (SZ) streng verboten. Die dummen Sprüche der nicht involvierten Kollegen blieben nicht aus, als E-Mails auf einmal nur noch verschlüsselt verschickt wurden.

Einmal, im Herbst, waren über 100 Journalisten aus der ganzen Welt in München zu Gast, belegten Meeting-Räume, die Cafeteria. Und praktisch niemand wusste, was all die fremden Menschen im SZ-Hochhaus machten. «Irgendetwas Investigatives», spielten die Verantwortlichen die Recherche intern herunter, selbst noch am Tag vor der Veröffentlichung.

«Die eigenen Kollegen anzulügen, war das Schwierigste», erzählt Wolfgang Jaschensky, Leiter Entwicklungsredaktion. Er hatte gemeinsam mit Kollegin Vanessa Wormer und Frederik Obermaier zum «Hacks/Hackers Meetup Panama Papers» geladen, einer Veranstaltung, die in regelmässigen Abständen stattfindet und Programmierer, Designer und Journalisten zusammenbringt. Das Interesse an der Veranstaltung war gross, das Kontingent von 50 Teilnehmern schnell erreicht. Und die Teilnehmer lauschten gespannt den Erzählungen, die sich wegen der Verschwiegenheit und der Sicherheitsmassnahmen wie ein Krimi anhörten.

An die Grenzen gestossen

«Wir verwendeten nicht mal mehr Google, um sicherzugehen, dass unsere Daten bei uns bleiben», sagt Jaschensky. Es wurden zusätzliche Computer gekauft, die nicht am Internet hingen und die mit den riesigen Datenmengen umgehen konnten. «Für uns war von Anfang an klar: Wir müssen die Daten durchsuchbar machen, nur so können wir damit arbeiten», erzählt Datenjournalistin Wormer, die von der SZ eigens für die Panama Papers angestellt wurde. Und trotz Weiterbildung im Bereich Big Data mit dem Projekt rasch an ihre Grenzen stiess. «Ich hatte Erfahrung mit zwei, drei Gigabytes, aber nicht mit 2,6 Terabytes.» Selbst die leistungsfähigsten Computer, die eingescannte Briefe innert Sekunden in durchsuchbare Texte umwandeln können, waren nutzlos. «Für die 3,5 Millionen eingescannte Dokumente hätten unsere Computer über ein Jahr gebraucht», sagt Wormer.

Die Lösung brachte die Zusammenarbeit mit dem Internationalen Konsortium investigativer Journalisten (ICIJ). «Das ICIJ hat bereits grosse Erfahrung im Umgang mit solchen Daten, das haben wir rasch gemerkt, als ihre Spezialisten erstmals bei uns waren und sich das Datenmaterial vorgenommen haben», sagt Obermaier. Den Programmierern gelang es, die Daten durchsuchbar und den über 100 weltweiten Medienpartnern via Internet zugänglich zu machen.

Damit begann auch bei der SZ die eigentliche journalistische Arbeit an den Panama Papers. Und diese war weit mehr als die blosse Recherche. «Wir entwickelten gemeinsam mit Grafikern und Illustratoren eine eigene Bildsprache und die Informatik-Abteilung stellte eine neue Website auf die Beine, um die Geschichten zweisprachig auf allen Plattformen veröffentlichen zu können. «Uns war rasch klar, dass die Veröffentlichung international hohe Wellen schlagen wird und dass wir dafür sorgen mussten, dass die Server nicht unter der hohen Zugriffszahlen zusammenbrechen», sagt Informatiker Sascha Goldhofer. Dies sei ihnen auf der eigens programmierten Panama-Papers-Website auch gelungen, die Seite der «Süddeutschen Zeitung» hingegen war kurz nach der Veröffentlichung während dreier Stunden nicht erreichbar – wegen der hohen Zugriffszahlen.

Die Reichweiten, die am Tag der Veröffentlichung sowie am Folgetag gemessen wurden, waren denn auch beeindruckend, wie Thierry Backes, zuständig für Reichweite und Lesezahlen bei der SZ, erzählte, wobei die genauen Reichweite-Zahlen Unternehmensgeheimnis bleiben. «Extrem waren vor allem die Zugriffszahlen auf unsere englischsprachigen Texte. Diese erreichten dreimal mehr Menschen als die deutschen Versionen», sagt Backes.

48 Stunden im Rampenlicht

Profitiert habe die SZ vor allem von Verweisen auf grossen, internationalen Medien-Websites wie «New York Times» und «Guardian». «Diese direkten Links haben einen Viertel des Traffics ausgemacht, mehr als alle sozialen Medien zusammen.» Aber, wie alles im schnelllebigen Internet-Journalismus, bewahrheitete sich auch bei den Panama Papers die Erkenntnis, dass die Aufmerksamkeitsdauer relativ kurz blieb. «Wir standen 48 Stunden im Rampenlicht, danach normalisierten sich die Zugriffszahlen wieder. Vielleicht war es also ein Fehler, dass wir die besten Geschichten gestaffelt über mehrere Tage publiziert haben.»

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