Dutzende sind gestorben, tausende leiden unter schrecklichen Arbeitsbedingungen - das sind die Resultate, welche die englische Tageszeitung «Guardian» im Rahmen einer Reportage über die zahlreichen nepalesischen Bauarbeiten für die Fussballweltmeisterschaften 2022 in Katar veröffentlichte.

Fast täglich seien im Sommer junge Bauarbeiter gestorben, meist durch plötzliche Herzinfarkte, Arbeitsunfällen und Überanstrengung. Bis zum Start des Turniers müssen laut Hochrechnungen mindestens 4000 ausländische Arbeitskräfte sterben.

Mehr Tote als Fussballer auf dem Rasen

«Diese Arbeitsbedingungen und die erstaunliche Todeszahl gehen über Zwangsarbeit zur alten Sklaverei, wo Menschen wie Objekte behandelt wurden», sagt Aidan McQuada, Direktor von «Anti-Slavery International». Ein betroffener Arbeiter sagt: «Ich bin wütend, wie uns die Firma behandelt, aber wir sind absolut hilflos. Ich bedaure es, hierhergekommen zu sein, aber was soll ich tun?» Viele wohnen in prekären Verhältnissen in unhygienischen und überfüllten Massenunterkünften.

Diese Aussagen stützt auch der Internationale Gewerkschaftsverbund ITUC, der im Frühling dieses Jahres in der «Bild»-Zeitung verkündete: «Katar ist ein Sklavenhändler-Staat. Während den Bauarbeiten werden wahrscheinlich mehr Arbeiter sterben als die 736 Fussballer, die bei der WM auf dem Rasen stehen.» 6000 Beschwerden aus Katar seien bei der ITUC im vergangenen Jahr eingereicht worden sein.

Kein Zugang zu Nahrung und Wasser

Einige Arbeiter erzählten, dass der zuständige Aufseher ihre Pässe beschlagnahmt habe und sich weigern würde, die Dokumente wieder zurückzugeben. «Er sagt ständig, er würde uns die Dokumente nächste Woche geben», erzählt ein Gerüstbauer, der bereits seit zwei Jahren in Katar arbeitet und seinen Pass in dieser Zeit nie mehr sah.

Ohne Papiere können die Arbeiter das Land nicht verlassen, auch ihrem Arbeitsgeber dürfen sie nicht ohne Erlaubnis den Rücken kehren. «Wenn wir davonlaufen, machen wir uns strafbar und die Polizei könnte uns jederzeit nach Hause schicken», sagt ein betroffener Arbeiter.

Ein weiteres Problem sei laut dem «Guardian» auch der fehlende Zugang zu Nahrung. Trotz Temperaturen von bis zu 50 Grad Celsius sollen die Arbeiter ohne Wasser zur Arbeit gezwungen werden. «Alle sprechen von den Effekten der Hitze für einige Hundert Fussballer», sagt Umesh Upadhyaya, Generalsekretär der Nepalesischen Gewerkschaft, «aber niemand denkt an das Blut, den Schweiss und die Leiden der Arbeiter.»

Viele Firmen würden laut dem Bericht ihre Arbeiter nur schlecht verpflegen, viele sprechen gar von ganzen Tagen ohne Essen. «Als ich mich beschwerte, schlug mich mein Manager und bezahlte mir gar nichts mehr», erzählt ein Arbeiter. Er musste bei Freunden um Nahrung betteln.

FIFA zeigt sich besorgt

Katar hat weltweit die höchste Rate von Arbeitern mit Migrationshintergrund; über 90 Prozent der Arbeiterschaft sind Immigranten. Fast die Hälfte dieser Menschen stammt aus Nepal und sucht im Wüstenstadt ihr Glück. Durch den Aufbau von Stadien, Strassen, Häfen und Hotels wurden im Hinblick auf die Fussball-Weltmeisterschaften 1.5 Millionen neue Arbeiter eingestellt.

Durch die herrschenden Gesetze können die Arbeiter ohne Zustimmung ihres Managers, ihre Firma nicht verlassen. Der nepalesische Botschafter in Katar bezeichnete den Staat deshalb kürzlich als «Open jail» (geöffnetes Gefängnis). Die Beschäftigten dürfen im Wüstenstaat keiner Gewerkschaft beitreten.

Das Arbeitsministerium Katars weist die Vorwürfe in einem Interview mit dem «Guardian» zurück: Die Firmen seien dazu verpflichtet, die Arbeitsnehmer mit Wasser und Nahrung zu versorgen. Zudem stünden ihnen vom 15. Juni bis 31. August täglich fünf Stunden Pause über die heisse Mittagszeit zur Verfügung.

Auf die Frage, warum so viele Nepalesen wegen Herzproblemen sterben würden, verweist das Arbeitsministerium an das Gesundheitsministerium Nepals. Der  Weltfussballverband FIFA zeigte sich am Donnerstag «sehr besorgt» über die Berichte und die herrschenden Arbeitsbedingungen. Die FIFA liess in einer Mitteilung verlauten, dass sie mit den Behörden in Katar Kontakt aufnehmen werde.