In Warschau steigt am 1. August kein Feuerwerk in den Himmel. Stattdessen heulen die Sirenen um 17 Uhr in der ganzen Stadt. Der Verkehr und alle Menschen auf der Strasse werden eine Minute lang stehen bleiben, wie jedes Jahr am 1. August. Nie hat mich ein Augenblick – dieses Vakuum der plötzlichen Reglosigkeit in der sonst hektischen Grossstadt – mehr berührt.

An diesem Tag, zu dieser Uhrzeit, begann 1944 der Aufstand der Warschauer «Heimatarmee» gegen die Nazi-Besetzung. Die schlecht bewaffneten Kämpfer des polnischen Untergrunds waren genügend schlagkräftig, um die von Hitler befohlene schnelle Niederschlagung des Aufstandes zu vereiteln. Während 63 Tagen boten sie dem Okkupanten die Stirn, derweil die unweit vor Warschau stehende Rote Armee Stalins den Aufständischen keinerlei Hilfe leistete.

Das Aufbegehren der polnischen Kämpfer gegen einen immer noch übermächtigen Feind war schliesslich vergebens. Der Aufstand wurde blutig niedergeschlagen. Der Preis war extrem hoch: Zehntausende Aufständische kamen ums Leben; die unerbittlichen Kämpfe und die grausame Repression der Zivilbevölkerung durch die Besatzer forderten über hunderttausend Menschenleben; tausende wurden in Konzentrationslager deportiert. Die Truppen von SS-Führer Heinrich Himmler machten das alte Warschau mit Artilleriefeuer und durch gezielte Sprengung und Brandlegung dem Erdboden gleich. Heute steht an der Stelle der ursprünglichen Quartiere eine andere Stadt, die von null auf aufgebaut werden musste – nach den Bauplänen der Sowjets, den neuen Okkupanten, die Polen bald darauf erobert hatten. Nur wenige Reste des alten Warschaus sind erhalten geblieben. Wenn man aufmerksam durch die Stadt geht, kann man sie finden.

Der Jahrestag des Aufstands wiederholt sich 2019 zum 75. Mal. Die heutigen Warschauer tragen an diesem Tag Uniformmützen, Armbänder in den rot-weissen Farben der polnischen Flagge oder T-Shirts mit dem Erkennungszeichen der Aufständischen, um der Verbundenheit mit ihren Vorfahren Ausdruck zu verleihen. An den Hausecken hängen Blumen, und auf den Strassen stehen Kerzen im Gedenken an die Menschen, die vor 75 Jahren den Tod fanden.

Während die Feierlichkeiten für die Warschauer ein Anlass des Stolzes sind, läuft es mir beim Anblick jeder dieser improvisierten Gedenkstätten kalt den Rücken herunter. Wie viel Leid hat jeder dieser Orte gesehen. Tausende Männer und Frauen haben sich für die Freiheit ihres Landes geopfert. Ganze Familien wurden im Strudel der Geschehnisse ausgelöscht.

In den Schweizer 1.-August-Gedenkfeiern geht allzu oft vergessen, dass es vor allem pures Glück ist, dass die Schweiz seit rund 200 Jahren von Besetzung und äusseren Kriegswirren verschont geblieben ist. Aufgrund der einzigartigen Umstände der Vergangenheit hat unsere Generation Freiheit und Wohlstand geerbt. Unser eigener Verdienst ist das nicht. Patriotismus mag ein wichtiger Kitt für die Gesellschaft sein, doch der Schweizer Patriotismus wirkt auf mich oft leer und selbstbeweihräuchernd. Wenn in den Reden Schweizer Werte, Mut, Unabhängigkeit, Freiheitsliebe und Engagement für die Gemeinschaft besungen werden, wird allzu oft ausgeblendet, dass wir nicht frei wären und es uns nicht so gut gehen würde, wenn sich Menschen in anderen Ländern nicht für die Freiheit geopfert hätten – für die Ihrige und für die Unsrige. Ein demütigeres (und realistischeres) Selbstbild würde uns guttun.

Das hat durchaus auch aktuelle Relevanz: Der Erweiterungsbeitrag, besser bekannt unter dem Namen Kohäsionsmilliarde, über dessen zweite Tranche das Schweizer Parlament noch dieses Jahr entscheiden soll, wird bei uns als Pfand für einen vorteilhaften Deal mit der EU gehandelt. Wir würden gut daran tun, ihn auch als Ausdruck echter Verbundenheit mit den Ländern zu sehen, für welche die Geschichte im Gegensatz zur Schweiz nicht die glückliche Rolle im Auge des Orkans vorgesehen hat.