Kapitulation

«Sie gingen mit gesenkten Köpfen»: Wie drei Nazis mit ihrer Unterschrift das Ende des Zweiten Weltkriegs besiegelten

Vor genau 75 Jahren hat die Wehrmacht in Berlin die Kapitulation unterzeichnet. In Deutschland herrschte eine apokalyptische Grundstimmung.

«Um 00:43 Uhr war die Urkunde unterzeichnet. Ich forderte die deutsche Abordnung auf, den Saal zu verlassen. Sie standen auf, verneigten sich und gingen mit gesenkten Köpfen. Ein unvorstellbarer Lärm erhob sich in dem Saal. Vielen standen Freudentränen im Gesicht.» Mit diesen Worten erinnerte sich Georgi Schukow, Generalstabschef der Roten Armee, Jahre später an den Moment, als die deutsche Delegation in der Nacht vom 8. auf den 9. Mai 1945 im sow­jetischen Hauptquartier in Berlin-Karlshorst die bedingungslose Kapitulation unterzeichnet hatte. Ihre Unterschrift bedeutete das Ende der blutigen Kämpfe in Europa.

Bis heute steht diese Nacht in Karlshorst symbolisch für die Niederlage der deutschen Wehrmacht. Dabei handelte es sich faktisch nur um die Ratifizierung der bedingungslosen Kapitulation, die die Nazis schon einen Tag zuvor im Hauptquartier der westlichen Alliierten im Französischen Reims unterzeichnet hatten. Die deutsche Delegation aus Wilhelm Keitel (Chef des Oberkommandos der Wehrmacht), Hans-Georg von Friedeburg (Chef der Marine) und Hans-Jürgen Stumpff (Generalstabschef der Luftwaffe) reiste dazu am Nachmittag des 8. Mai – einem Dienstag – von Flensburg, wo nach dem Selbstmord Adolf Hitlers am 30. April die Nachfolgeregierung unter Grossadmiral Karl von Dönitz ihren Sitz hatte, in die völlig zerbombte Reichshauptstadt Berlin.

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Wie die Russen die fehlende Frankreich-Flagge fakten

Als die Delegation eintraf, war im grossen Saal von Karlshorst noch längst nicht alles für die Zeremonie vorbereitet. So waren zwar die Flaggen Grossbritanniens, der USA und der Sowjetunion angebracht, die französische hingegen fehlte. «Die Russen liessen sofort eine herstellen. Mit einem Stück roten Tuch, einer weissen Leinwand und einem Stück Tuch aus dem Blaumann eines Mechanikers», erinnerte sich der französische General Jean de Lattre später. Zudem musste der angepasste Kapitulationstext erst noch vom Englischen ins Russische und dann ins Deutsche übersetzt werden.

Georgi Schukow notierte später zu jenem Abend in Karlshorst: «Alle Blicke waren auf die Tür gerichtet, auf deren Schwelle im nächsten Augenblick diejenigen erscheinen sollten, die prahlerisch hinausposaunt hatten, die ganze Welt erobern zu können.» Gegen Mitternacht trat die deutsche Dreierdelegation in den Saal. Jean de Lattre blieb der selbstbewusste Auftritt von Wilhelm Keitel in Erinnerung: «Schrecklich preussisch im Aussehen, knallte er mit den Absätzen. Als er mich sieht, sagt er: Ach, auch noch die Franzosen. Das hat mir gerade noch gefehlt!» Die Sieger lassen die deutschen Befehlshaber während der Zeremonie ihre Verachtung spüren. Wehrmacht-Kommandant Keitel erwartete, dass ihm die Kapitulationsurkunde zur Unterzeichnung an seinen Tisch gebracht werde. Doch General Schukow liess die Nazi-Generäle nach vorne bitten, um das Papier zu unterschreiben.

Jörg Morré leitet heute das Museum in Karlshorst. «Die nationalsozialistische Diktatur musste mit vorgehaltener Waffe gestoppt werden, weil Hitler mit seiner Ideologie die Menschen und die Wehrmacht in diesen fanatischen Kampf bis in den Selbstuntergang hineingetrieben hat», erzählt Morré. So war die deutsche Seite nach dem Tod Hitlers lediglich dazu bereit, gegenüber den West-Alliierten zu kapitulieren. «Die Kampfhandlungen im Westen wurden am 7. und 8. Mai tatsächlich eingestellt. Aber die Kämpfe gegen die Rote Armee im Osten gingen weiter.»

Das Kriegsende sorgte für eine Selbstmordwelle

Eine Besonderheit an der Kapitulation war, dass sie nicht mit der deutschen Regierung, sondern lediglich mit deren militärischer Vertretung erfolgte. Weil nach dem Tode Hitlers eine anerkannte Reichsregierung fehlte, schlug der amerikanische General und spätere US-Präsident Dwight Eisenhower eine rein militärische Kapitulation vor.

Die Nachricht vom Kriegsende löste nur bei den Siegern Jubel aus. In der deutschen Bevölkerung herrschte laut Museumsdirektor Jörg Morré ein Gefühl von Niedergeschlagenheit, Verzweiflung und Aussichtslosigkeit. Viele fanatisierte Deutsche setzten ihrem Leben in diesen Tagen ein Ende. «Vor allem an der Ostfront gab es viele Selbstmorde. Bürgermeister, Ärzte, Lehrer und Polizisten nahmen sich in grosser Zahl das Leben. Das apokalyptische Gefühl, alles verloren und keine Zukunft mehr zu haben, war in weiten Teilen der Bevölkerung vorherrschend.»

Erst 40 Jahre nach dem Krieg, als der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker in einer viel beachteten Rede den 8. Mai 1945 als «Tag der Befreiung vom menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft» bezeichnet hatte, änderte sich allmählich das Bewusstsein in der Bevölkerung für dieses historische Datum. «Heute ist der Begriff Befreiung in ganz Deutschland angekommen», sagt Jörg Morré.

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