Beim Start des Flugzeugs von Istanbul nach Teheran zähle ich gerade mal ein Dutzend Kopftücher. Als wir drei Stunden später in Teheran aussteigen, tragen alle Frauen eines. So will es das Gesetz. Es ist morgens um vier. Die iranische Hauptstadt schläft noch. Eine Hotelreservation habe ich nicht, dafür Glück: Der junge Mann an der Rezeption sagt, dass ich um 9 Uhr ein Zimmer beziehen könne.

Beim Warten in der kleinen, etwas schmuddeligen Lobby fragt er mich in holprigem Englisch: «Ist die Schweiz ein freies Land?» Ich bejahe. Er: «Auch für Schwule?» Ich: «Ja, auch für Schwule.» «Frei ist gut», sagt er sehnsüchtig.

Ich bin für zweieinhalb Wochen als Tourist in den Iran gereist, um dieses mir unbekannte Land kennen zu lernen. Ist alles so düster, wie man bei uns hört? Wie stark werden die Menschen - insbesondere die Frauen - unterdrückt? Gibt es sie wirklich, diese Parallelgesellschaft, die sich im Verborgenen abspielen soll und uns im Westen in nichts nachsteht?

Wodka für alle

Nach wenigen Stunden Schlaf checke ich bereits wieder aus. Mehrzad, 27, hat mir geschrieben, dass ich bei ihm übernachten könne. Mehrzad heisst ihn Wirklichkeit anders. Ich habe alle Namen geändert, damit meine neuen Freunde keinen Ärger mit dem Regime erhalten. Ich habe Mehrzad über Couchsurfing kontaktiert, ein Online-Netzwerk, um Einheimische kennen zu lernen.

Mehrzads Wohnung liegt im Osten Teherans. Sein Mitbewohner Azad hat fünf Freunde zu Besuch. Zwei Männer und drei Frauen, alle zwischen Mitte zwanzig und Mitte dreissig. Wie so viele Iraner sprechen sie kaum Englisch - und ich kein Persisch. Mit Händen und Füssen haben wir es trotzdem lustig. Es dauert nicht lange, bis Azad eine Flasche russischen Wodka aus dem Kühlschrank holt. Breit grinsend fragt er mich, ob ich auch ein Glas wolle. Ich will. «Eine Flasche Wodka kostet auf dem Schwarzmarkt rund 30 Euro», sagt er mir. Das entspricht zehn Mittagessen in einem günstigen Restaurant.

Alkoholkonsum ist im Iran verboten und wird mit Peitschenhieben, Geldbussen oder Gefängnis bestraft. Im Wiederholungsfall droht gar die Todesstrafe. Trotzdem trinken sie in der WG regelmässig. Auf dem Fussboden steht ein Dutzend leerer Wodka-Flaschen. Jedem, der die Wohnung betritt, springen sie sofort ins Auge - sie wirken wie Trophäen. Angst, erwischt zu werden, haben die jungen Iraner nicht. Mehrzad: «Die Polizei ist vor allem hinter den Händlern her.»

Wir stossen alle zusammen an. Auch die Frauen trinken mit. In der Wohnung trägt keine von ihnen ein Kopftuch. Bereits nach zwei, drei Gläsern wird das Gelächter lauter. Die Musik wird aufgedreht. Es wird mitgesungen, getanzt und rumgeschmust. Im Fernseher laufen Videoclips von Metallica, Madonna und den Pussycat Dolls. Deren Freizügigkeit beeindruckt niemanden. Die meisten haben eine Satellitenschüssel zu Hause und empfangen damit Sender aus aller Welt. Zudem sind Softwareprogramme Standard, mit denen auch staatlich gesperrte Websites besucht werden können - zum Beispiel Facebook oder Youporn. Die Regierung wisse das, sagen mir die Leute. In den eigenen vier Wänden lasse sie die Bevölkerung aber gewähren.

Auf Opium die Polizei ignorieren

Einige Tage später, 250 Kilometer südlich von Teheran. Ich bin per Autostopp unterwegs, Farzad und Armin haben mich mitgenommen. Die beiden freuen sich wie fast alle Einheimischen über die Bekanntschaft mit einem Schweizer. Hinter dem Beifahrersitz ist ein grüner Gaskocher verstaut. Ich frage mich schon, wofür der wohl ist, als ihn Farzad nach vorne holt. Der 22-Jährige macht ihn an und erhitzt an der Flamme ein dunkelbraunes Etwas. Es sieht aus wie ein Lollipop aus Harz. «Was ist das?», frage ich mithilfe des Dictionnaires. «Opium», sagt Farzad grinsend.

Mitten auf der Autobahn inhalieren er und Armin das erhitzte Opium mit einem Papierröhrchen. Armin macht mit der Hand eine schwungvolle Bewegung weg vom Kopf: Die Gedanken gehen fliegen, soll das wohl heissen. Einheimische sagen mir später, dass Opiumkonsum im Iran ziemlich stark verbreitet sei - obwohl auch das drakonisch bestraft wird.

Farzad und Armin verändern sich nicht spürbar. Abgesehen davon, dass Armin immer heftiger aufs Gaspedal drückt. Plötzlich fährt er links ran, kramt ein schwarzes Klebeband hervor und verfälscht damit die Zahlen auf seinem Nummernschild. Dann rast er weiter. Nach einigen Kilometern winkt uns ein Polizist mit seiner Kelle raus. Armin bremst zur Täuschung kurz ab - und gibt dann Vollgas. Es folgt eine wilde Slalomfahrt mit rund 180 Stundenkilometern zwischen Autos und Lastwagen hindurch.

Ich finde es nicht mehr lustig. Schliesslich habe ich wenig Lust, mit der iranischen Polizei Bekanntschaft zu machen. Immer wieder schauen wir nach hinten, ob die Polizei uns verfolgt. Glück gehabt. Bei der nächsten Raststätte fährt Armin raus und entfernt das Klebeband wieder.

Doch das nützt nichts. Einige Minuten später winkt uns bereits der nächste Polizist raus. Er wurde wohl informiert. Armin hält wieder nicht an. Insgesamt ignoriert er fünf Ordnungshüter - ohne Folgen. Die beiden scheinen das nicht zum ersten Mal zu machen. Wir erreichen ungeahndet unser Ziel. Sie helfen mir bei der Suche eines Hotels und laden mich dort ab.

Schönheit ist nicht immer echt

Zurück in Teheran, Besuch auf dem Basar. In vielen Shops werden BHs und Höschen angeboten. Männliche Verkäufer beraten Frauen mit Kopftuch betreffend Unterwäsche. Ein lustiges Bild.

Der Staat schreibt den Frauen vor, die Haare mit einem Kopftuch zu bedecken und weite Gewänder zu tragen. Diese Regeln interpretieren die Frauen aber sehr unterschiedlich. Viele lassen ihr Kopftuch so weit nach hinten rutschen, dass es kaum noch etwas bedeckt. Wüsste man es nicht besser, könnte man meinen, sie tragen das Kopftuch freiwillig - als modisches Accessoire. Es gibt auch Frauen, die in High Heels durch die Stadt stolzieren.

Die Iranerinnen legen grossen Wert auf ihr Äusseres. Entweder können sie sehr gut mit Make-up umgehen oder sie sehen einfach verdammt gut aus. Einige helfen allerdings nach: Es sind auffällig viele Frauen mit einem Pflaster auf der Nase zu sehen. Bei der Anzahl Nasenoperationen ist der Iran Weltspitze. Auch Vaginaloperationen sind hoch im Kurs. Zahlreiche Frauen sollen sich vor der Hochzeit das Jungfernhäutchen rekonstruieren lassen, um dem Ehemann Keuschheit vorzutäuschen.

Macht des Regimes hat Grenzen

Iranische Frauen dürfen zwar wählen und Auto fahren, das Lenken von Motorrädern ist jedoch Männern vorbehalten. Für eine Reise ins Ausland braucht es die Zustimmung des Vaters oder des Ehemanns. Eine Heirat muss ebenfalls der Vater absegnen. Trotz dieser Diskriminierungen sind die Frauen im Iran präsenter als in anderen Ländern des Mittleren Ostens.

In Yazd fragt mich die angehende Ingenieurin Mojdeh in einer Moschee, ob ich ein Foto von ihr machen könne. Die 24-jährige Schönheit ist alleine als Touristin unterwegs. Wir beschliessen, das historische Städtchen gemeinsam zu erkunden. Mojdeh fragt sich von Sehenswürdigkeit zu Sehenswürdigkeit. Die angesprochenen Männer helfen gerne. Flirten ist keine Seltenheit. Wenn kein Sittenwächter in der Nähe ist, laufen Pärchen auch mal Händchen haltend durch die Strassen oder liegen sich im Park in den Armen. Nur zu küssen wagt sich in der Öffentlichkeit niemand.

Sind die staatlichen Sittenwächter zahmer geworden, seit Hassan Rohani und nicht mehr Machmud Achmadineschad Präsident ist? Einige Junge sagen Ja, andere Nein. Für den Alltag der Menschen ist es nicht so entscheidend, wer gerade an der Macht ist. Viele haben einen Weg gefunden, zumindest im Geheimen ihr Leben so zu leben, wie sie wollen. Für ein Regime ist es gar nicht so einfach, den Bürgern einen Lebensstil aufzuzwingen, den viele nicht wollen.