Das Gesprächsangebot kam unverhofft: Am Freitag erhielt die südkoreanische Regierung die Nachricht, eine hochrangige Delegation aus Nordkorea wolle bereits am nächsten Tag für ein innerkoreanisches Treffen nach Südkorea kommen. Zunächst dachte die südkoreanische Seite, die Annäherung könnte vielleicht im Zusammenhang mit den Schlussfeiern der Asien-Spiele stehen, die am Samstag im südkoreanischen Inchon zu Ende gingen. Nordkoreanische Sportler hatten überraschend viele Medaillen eingesackt.

Inzwischen aber spekulieren südkoreanische Medien über einen ganz anderen Grund: Es könnte im letzten nach stalinistischem Muster regierten Bauernstaat einen Politikwechsel gegeben haben. Der junge Diktator Kim Jong Un sei erkrankt und womöglich gar nicht mehr im Amt.

Tatsächlich ist der wahrscheinlich gerade einmal 32 Jahre alte nordkoreanische Machthaber seit mehr als einem Monat nicht mehr in der Öffentlichkeit gesehen worden. Das ist ungewöhnlich, hat sich doch der junge Kim anders als sein Vater und Vorgänger seit seinem Amtsantritt vor zweieinhalb Jahren gerne im Staatsfernsehen gezeigt. Mal war er beim Besuch eines Kinderfreizeitparks zu sehen, mal bei einer Fernsehgala mit Micky Maus und Goofy auf der Bühne. Doch seit Anfang September ist er nicht mehr aufgetaucht.

Gicht? Diabetes? Bluthochdruck?

Prompt wird in südkoreanischen Medien über seinen Verbleib spekuliert. Die südkoreanische Nachrichtenagentur Yonhap berichtet, Kim habe angesichts seines Übergewichts Probleme mit den Füssen, er leide an Gicht. Andere Medien schreiben, Kim sei an Diabetes erkrankt und habe hohe Blutdruckwerte. Mitte September musste er sich zudem einer Operation der Fussknöchel unterziehen, von der er sich bislang noch nicht erholt habe. Yonhap beruft sich auf einen Informanten, der vor kurzem in Nordkorea gewesen sein soll. Die von Ausland-Chinesen betriebene Nachrichtenseite Duowei hingegen vermutet, innerhalb der nordkoreanischen Führung tobe ein Machtkampf; der junge Kim könnte unter Hausarrest stehen. Dieses Gerücht ist nicht völlig von der Hand zu weisen.

Vor einem Jahr hatte Kim nach einem internen Machtkampf seinen Onkel Jang Song Taek hinrichten lassen. Jang Song Taek galt bis dahin als die Nummer zwei im Staat und war eigentlich ein Vertrauter seines Neffen. Er hatte dem jungen Diktator nach dem Tod seines Vaters Ende 2011 bei der Amtsübergabe zunächst beratend zur Seite gestanden. Sie hatten zusammen weitreichende Wirtschaftsreformen nach dem Vorbild Chinas durchführen wollen, das ebenfalls von einer kommunistischen Führung beherrscht wird.

Streit mit dem Onkel

Doch dann soll es zwischen Onkel und Neffen zu heftigen Meinungsverschiedenheiten gekommen sein. Zunächst war der Onkel nicht mehr in der Öffentlichkeit zu sehen. Erst Monate später wurde seine Hinrichtung im Staatsfernsehen offiziell bestätigt. Mit dem Onkel sollen mehrere hundert seiner Anhänger ebenfalls hingerichtet worden sein. Von einer ganzen Säuberungswelle ist die Rede. Es ist durchaus möglich, dass der interne Machtkampf weiter anhält.

Nordkoreas Führung bestritt zunächst, dass es politische oder gesundheitliche Probleme ihres Machthabers gebe. Inzwischen hat der nordkoreanische Staatssender aber zugegeben, dass Kim sich unwohl fühle. Das Fernsehen zeigte Bilder, die wahrscheinlich vom Sommer stammen. Darauf ist er leicht hinkend zu sehen. Das Land führe er aber weiter an. Das beteuerte auch der nordkoreanische Unterhändler, der am Samstag in Südkorea zu Besuch war. Eine Erklärung, warum Kim Jong Un inzwischen seit mehr als fünf Wochen von der Bildfläche verschwunden ist, lieferte aber auch er nicht.

Weitere Treffen möglich

Die nordkoreanischen Abgesandten blieben nur einen Tag. Aber sie boten an, dass es bereits Ende Oktober das nächste ranghohe Treffen zwischen beiden Seiten geben könne. Es war das erste Mal seit mehr als einem halben Jahr, dass überhaupt wieder Gespräche zwischen den beiden verfeindeten Staaten stattfanden. Die Beziehungen hatten sich im Frühjahr drastisch verschlechtert, nachdem die kommunistische Führung in Pjöngjang ungewöhnlich viele Raketen testete. Die südkoreanische Regierung in Seoul wiederum hielt im April und Mai gemeinsame Militärübungen mit den USA ab. Seit dem Krieg von 1953 sind sich beide Seiten spinnefeind.