Das ganz irre Spiel heisst «MAD» (Mutually Assured Destruction). Es stammt aus dem Kalten Krieg und bedeutet: Versuchst du es, bist du auch kaputt. Gewinnen kann man ein solches Spiel nicht, das wussten beide Player, die Sowjetunion und die USA. Oder doch? Das Schlüsselwort hiess «Erstschlagkapazität». Und die Idee dahinter bestand einfach darin, dass man dem Gegner die Fähigkeit, wirksam zurückzuschlagen, frühzeitig kaputtmachen könnte. Öffentlich liebäugelten die USA damit, aber wirklich versucht wurde es nicht. Und die älteren Herren im Kreml redeten lieber nicht drüber.

«Hat doch funktioniert», ist man im Nachhinein geneigt zu sagen. Und verweist gerne auf 1962, als wegen russischer Atomwaffen auf Castros Kuba auch der ultimative Atomkrieg drohte. Schliesslich einigte man sich: Die Russen packten ihre Sachen wieder ein, die Amerikaner zügelten ein paar Raketen aus der Türkei ab. Die Welt atmete auf.

Es war die aussenpolitische Sternstunde der Kennedy-Administration. Sie musste sich gegen die «Falken» durchsetzen, die militärisch gegen Kuba vorgehen wollten. Bombardieren oder gar die Invasion standen auf dem Programm. Das wäre zweifellos ein aggressiver Akt gewesen. Aber hätte er auch den Atomkrieg ausgelöst?

Es gibt die Parallele zu Nordkorea. Wenn auch nicht so direkt. Nordkoreas Motiv, Atommacht zu werden, ist Selbstbehauptung. Das gleiche Argument haben auch Frankreich und Grossbritannien damals gebraucht, als sie Atommacht wurden. Man vertraute nicht darauf, dass einem die atomare Supermacht auch in jedem Fall zur Seite stehen würde.

Der Kim-Clan hat keine Supermacht hinter sich. Stalin sagte damals: Njet. Die Chinesen machten zwar Offerten, aber Grossvater Kim Il-Sung servierte sie ab, weil Mao versucht haben soll, ihn zu stürzen. Also schritt Kim selbst zur Tat. Er hatte recht: Die Atommacht China wurde 1969 durch die Russen entzaubert. Mao provozierte am Ussuri einen Grenzzwischenfall. Die Russen antworteten massiv – aber konventionell.

Auch 1962 war die Schwelle zum Atomkrieg noch einen Schritt weiter entfernt, als man dachte. Dazwischen stand Berlin. Was Castros Kuba den Russen, war Berlin den Amerikanern. Ein Angriff oder eine Invasion auf Kuba hätte zuerst wahrscheinlich einen massiven konventionellen Gegenschlag auf Berlin ausgelöst. Mit anderen Worten: Es wären dann wieder die Amerikaner gewesen, denen man den schwarzen Atom-Peter hätte zuschieben können.

Ob Kim Jong-Il Guam atomar angreifen will oder es gar nicht kann, spielt nicht so eine Rolle. Guam ist Berlin. Wenn die USA konventionell gegen Kim vorgehen, hat er theoretisch die Möglichkeit, sich zu rächen, ohne gleich den worst case auszulösen. Trump sollte gelassener werden gegenüber den Kim-Tiraden. Und zusammen mit China versuchen, das Problem zu lösen. Die Zeit arbeitet zwar für Kim, wenn es um die Atomkompetenz geht, aber innenpolitisch gegen ihn. Irgendeinmal möchte der Bürger dort auch sehen, dass sich für sein Leben etwas ändert.

Die Bombe hat das aussenpolitische Feld verändert. Sie reizt zum Bluff. Weil sie keine richtige Waffe ist. Drohungen mit einem konventionellen Krieg macht man nicht so leicht. Denn die einzige Möglichkeit zu beweisen, dass man nicht blufft, ist, mit dem Bluff aufzuhören. Paradoxerweise hat die Bombe den Blufferspielraum erweitert.


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