Grossbritannien

«Sei kein Dickerchen»: Die Briten sollen abspecken - und Premier Johnson geht mit gutem Beispiel voran

Bezeichnet sich selbst als «zu dick»: Premierminister Boris Johnson.

Bezeichnet sich selbst als «zu dick»: Premierminister Boris Johnson.

Premierminister Boris Johnson sagt überflüssigen Pfunden den Kampf an. Auch wegen der Coronapandemie. Dass er selbst auf die Intensivstation musste, führt er auf sein Übergewicht zurück.

Mit flotten Sprüchen, moralischen Appellen und dem Verbot der Werbung für Dickmacher will Boris Johnson die Briten verschlanken. «Ich bin zu dick», sagte der konservative Premierminister am Montag bei der Vorstellung einer Reihe neuer Initiativen zur Bekämpfung der Fettsucht auf der Insel. Dazu gehört eine auf drei Monate angelegte Diät-Kampagne, routinemässige Gewichtsberatung durch Ärzte und eine Kalorien-Kennzeichnungspflicht für Fast-Food-Ketten.

Der Regierungschef galt bisher als Skeptiker staatlicher Eingriffe in den persönlichen Lebensstil der Bevölkerung. Seine schwere Covid-19-Erkrankung hat dies verändert: Eigener Einschätzung nach landete Johnson wegen Sars-CoV-2 auch deshalb auf der Intensivstation, weil er von seinem Idealgewicht weit entfernt ist.

Erste wissenschaftliche Studien sprechen davon, dass das Risiko für einen ernsten Krankheitsverlauf bei Fettsüchtigen zehn Mal so hoch liegt wie bei Normalgewichtigen. «Sei mit Fünfzig kein Dickerchen» («don’t be a fatty in your fifties») predigt der Premier, 56, deshalb neuerdings allen, die es hören wollen (oder auch nicht).

Breitere Krankenwägen und umgebaute Krematorien

Die erschreckenden Statistiken geben der Regierungsinitiative Rückhalt. Zwei Drittel der Briten gelten der BMI-Berechnung zufolge als übergewichtig, davon rund die Hälfte gar als adipös. Krankenwägen in Wales wurden für dicke Patienten umgerüstet. Im Londoner Bezirk Lewisham bekam das Krematorium einen neuen Ofen, in den bis zu einen Meter breite Särge passen – die bisher üblichen 50 Zentimeter reichten immer häufiger nicht aus.

Während die Zahlen bei den Erwachsenen zuletzt leicht rückläufig waren, bahnt sich unter Kindern eine Gesundheitskatastrophe an: Bereits mit 11 Jahren haben ein Drittel der Inselbewohner zuviel Gewicht. Alarmierenderweise bezeichnete beinahe die Hälfte der Eltern von fettsüchtigen Kindern das Gewicht ihrer Sprösslinge kürzlich als «mehr oder weniger normal».

Internationaler Übereinkunft zufolge wird Übergewicht bei einem Body-Mass-Index (BMI) von mehr als 25 angenommen, Fettsucht beginnt bei BMI 30. Von Normalgewicht sprechen Fachleute bei einem BMI zwischen 18,5 und 25.

Gesundheitsminister Matthew Hancock fügte den munteren Scherzen seines Chefs eine moralische Komponente hinzu: Angesichts der steigenden Kosten für die Behandlung überdimensionierter Patienten im Nationalen Gesundheitssystem NHS – zuverlässigen Schätzungen zufolge jährlich mindestens 7,1 Milliarden Franken – sei die Kampagne dringend notwendig.

Experten fordern Verbot von zuckerreicher Nahrung

«Das schulden wir dem NHS», mahnte der Minister. Wenn alle Übergewichtigen durchschnittlich fünf Pfund verlieren könnten, liesse sich laut Hancock im NHS jährlich die runde Summe von 100 Millionen Pfund (118 Millionen Franken) einsparen.

Während die Regierungsinitiative vor allem auf die persönliche Disziplin der Bürger setzt, verweisen Ernährungsexperten auf Dickmacher-Faktoren wie Armut, genetische Vorprägung und ungesunde Lebensmittel. Sie fordern ein Verbot von Nahrung mit allzu grossem Zuckergehalt, analog der seit 2018 geltenden Steuer auf süsse Drinks: Die Industrie hat die Zuckermenge ihrer Produkte seither um 29 Prozent reduziert.

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