Österreich

Sebastian Kurz schickt seine Landsleute zum Coronamassentest – und geht damit ein grosses Risiko ein

Österreichs Kanzler Sebastian Kurz verschärft die Coronamassnahmen; Im Dezember gibt es Massentests.

Österreichs Kanzler Sebastian Kurz verschärft die Coronamassnahmen; Im Dezember gibt es Massentests.

Österreichs Regierung verhängt einen strengen Lockdown – und will anschliessend weite Teile der Bevölkerung testen lassen. Kanzler Sebastian Kurz zieht die Zügel an.

Österreichs Regierung ist anscheinend darauf bedacht, wieder das Heft in die Hand zu nehmen. Am Samstag verkündete Kanzler Sebastian Kurz einen neuen Lockdown, am Sonntag legte er nach: Demnach soll es nach dem 6. Dezember, dem angepeilten Ende des Lockdowns, Massentests in der Bevölkerung geben. Als Vorbild gilt hier die Slowakei.

Details über den Ablauf, die Modalitäten und das Prozedere sind noch nicht bekannt, sollen aber bereits in wenigen Tagen verkündet werden. Zudem soll das Bundesheer in Zukunft beim Contact-Tracing helfen. Dieses war zuletzt praktisch aufgegeben worden.

Die Ansage des Kanzlers birgt dabei durchaus Risiken: Denn sollte die Testserie nicht zu Stande kommen, sollte sie scheitern, oder chaotisch ablaufen, so wäre das nur noch ein weiteres Beispiel für eine chaotisch wirkende Handhabe der Regierung in Wien. Denn öffentliche Rhetorik und Alltagsrealität klafften zuletzt auseinander. Appelle zu Eigenverantwortung verhallten. Der erst vor zwei Wochen verkündete Teil-Lockdown hat sich praktisch gar nicht in den Zahlen niedergeschlagen.

Im Schnitt über 7000 Neuinfektionen täglich

Was Österreich nun blüht, verkündete Kurz am Samstag: Ein harter Lockdown inklusive geschlossenem Handel, geschlossenen Schulen und rund um die Uhr geltenden Ausgangsbeschränkungen. Gelten sollen die Massnahmen ab kommendem Dienstag.

Eine drastische Verschärfung hatte sich bereits ab Mitte der Vorwoche angekündigt. Zuletzt lag die Zahl der binnen 24 Stunden registrierten Neuinfektionen bei permanent über 7000 mit einem Höchststand von 9261 am vergangenen Mittwoch. Mittlerweile gelangen die Spitäler an ihre Auslastungsgrenze. Und angesichts einer Verlagerung des Infektionsgeschehens von Osten nach Westen wurden in Regionen wie Oberösterreich oder Tirol bereits Intensiv-Betten knapp.

Die Regierung zieht die Notbremse

Die am Samstag verkündeten Massnahmen sollen zunächst für zweieinhalb Wochen gelten  – bis inklusive 6. Dezember. Demnach ist praktisch jeder direkte Kontakt ausserhalb des Familienverbands untersagt, ausgenommen davon sind lediglich enge Angehörige.

Handel, Gastronomie und Dienstleistungen werden geschlossen, Schulen und Kindergärten wechseln komplett in den Fernunterricht, wobei eine Betreuung aber gewährleistet wird; Veranstaltungen bleiben praktisch komplett untersagt, ausgenommen sind Demonstrationen, politische sowie religiöse Veranstaltungen und Begräbnisse. Alle Hotels und Beherbergungsbetriebe bleiben für Touristen geschlossen, ausgenommen sind nur Geschäftsreisende. Sportanlagen werden geschlossen, erlaubt bleibt lediglich Individual- und Freizeitsport im Freien, sofern es zu keinem Körperkontakt kommt. Betriebe sind aufgerufen, ihre Mitarbeiter ins Homeoffice zu schicken.

Kritik kommt von Virologen und Statistikern wie Erich Neuwirth: Er mahnt an, dass man doch die Herbstferien Ende Oktober verlängern und quasi zu einem Heim-Urlaubs-Lockdown hätte machen können. Die Kritik mehrt sich vor allem auch, da sich ein markanter Anstieg in den Infektionszahlen seit August abgezeichnet hätte. Stattdessen freuten sich etwa die Thermen in Ostösterreich während der Herbstferien über beste Buchungszahlen – während aber bereits von «exponentiellem Wachstum» in den Infektionszahlen gewarnt wurde.

Erst nach den Ferien wurde ein Teil-Lockdown verkündet, der aber ausser die Schliessung der Gastronomie praktisch keinerlei Folgen hatte. Zudem strauchelten die Behörden: Quarantänebescheide wurden zuletzt gar nicht mehr zugesandt, Testergebnisse gingen in grosser Zahl verloren, das Contact-Tracing, also die Nachverfolgung von Infektionsketten, wurde praktisch aufgegeben. Die Regierung in Wien hat bei grossen Teilen der Bevölkerung Vertrauen verspielt.

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