«Bei uns wird nicht betrogen, bei uns wurden keine Abgaswerte manipuliert», sagte Daimler-Konzernchef Dieter Zetsche Anfang 2016. Ein Bericht unter anderem der «Süddeutschen Zeitung» vom Donnerstag legt den Verdacht nahe, dass Zetsche – bewusst oder unbewusst – damals die Unwahrheit gesagt hat. Auch bei Mercedes soll im grossen Stil mit Abgaswerten geschummelt worden sein, berichtet die Zeitung. Demnach soll der in Stuttgart ansässige Konzern von 2008 bis 2016 in Europa und den USA bewusst Fahrzeuge mit einem unzulässig hohen Schadstoffausstoss unter die Kunden gebracht haben. Bei den Fahrzeugen soll es sich um Autos und Kleintransporter handeln, die mit den Motoren OM 642 und OM 651 ausgestattet sind. Diese Motoren sind unter anderem in etlichen Modellen bei Mercedes eingebaut, zum Beispiel in der C-, E- und R-Klasse, schreibt die Zeitung. Insgesamt soll der Konzern bei mehr als einer Million Fahrzeugen getrickst haben. Die Zeitung beruft sich bei ihrem Bericht auf einen Durchsuchungsbeschluss des Amtsgerichtes Stuttgart. Im Mai fand bei Daimler eine gross angelegte Razzia statt.

Abschalteinrichtung eingebaut

Daimler ging bei der Manipulation der Schadstoffwerte – treffen die Vorwürfe denn tatsächlich zu – offenbar sehr ähnlich vor wie der Volkswagen-Konzern. Die Diesel-Motoren zeigten bei offiziellen Schadstoffmessungen im Prüfstand offenbar deutlich geringere Werte an als beim effektiven Gebrauch auf der Strasse. Den beiden Motorenreihen soll demnach eine Abschalteinrichtung eingebaut worden sein. Damit bei den Schadstoffmessungen während der Prüfung die gesetzlichen Vorgaben eingehalten werden konnten, soll eine Funktion zur Verringerung der Emissionen eingeschaltet worden sein. Kaum befand sich das Fahrzeug auf der Strasse, schaltete die Software die Schadstoffreinigung ab. Derweil ermitteln die Behörden lediglich gegen zwei Daimler-Mitarbeiter, die mit der Softwareentwicklung bei Dieselmotoren zu tun hatten. Die zuständige Staatsanwältin rechnet allerdings im Zuge weiterer Nachforschungen damit, dass sich der Kreis der Verdächtigen erweitern wird. Möglicherweise gerät auch Daimler-Chef Zetsche selbst ins Visier der Ermittler.

Dass die Behörden ein Auge auch auf Daimler werfen, ist nicht neu. Bereits in der Vergangenheit mussten – im Nachgang zu der zunächst bei Volkswagen aufgedeckten Manipulation – 247'000 Fahrzeuge von Daimler auf Druck des Bundesverkehrsministeriums nachgebessert werden. Damals betroffen waren Fahrzeuge der Mercedes V-Klasse mit 2,1-Liter-Motoren, aber auch Modelle wie A- oder B-Klasse mit kleineren 1,5-Liter-Motoren. Nun aber steht der Vorwurf im Raum, Daimler habe absichtlich geschummelt – und damit die Kundschaft im Glauben gelassen, ein besonders umweltfreundliches Fahrzeug zu besitzen. «Wenn nach VW auch Daimler die Verbraucher betrogen hätte, dann hätten wir einen handfesten Skandal, der nicht nur Kunden in Deutschland, sondern möglicherweise in der ganzen Welt trifft», zitierte das «Handelsblatt» am Donnerstag den Chef der Verbraucherzentrale Bundesverband Klaus Müller. «Hier nimmt gerade eine ganze Branche, der gute Ruf einer Industrienation und nicht zuletzt das Verbrauchervertrauen einen gewaltigen Schaden.» Grünen-Chef Cem Özdemir sieht die Behörden mitverantwortlich dafür, dass die Autobranche in Deutschland über Jahre hinweg die Verbraucher täuschen konnte: «Es wird immer offensichtlicher, dass der Abgasskandal nur möglich gewesen ist, weil die Behörden über Jahre systematisch weggeschaut haben», so Özdemir, der – auf Wahlkampf getrimmt – hinzufügte: «Das ist eine Bankrotterklärung der Bundesregierung. Das ist organisiertes Staatsversagen.»

Tatsächlich ist der Ruf der deutschen Automobilbranche seit Bekanntwerden der Manipulationen zunächst bei Volkswagen schwer beschädigt. Bis September 2015 verzeichnete die deutsche Autoindustrie ein Rekordjahr. Nicht zuletzt dank der als umweltfreundlich angepriesenen Diesel-Motoren wies die Autoindustrie global gute Verkaufszahlen aus. Nachdem Volkswagen zugestanden hatte, bei den Schadstoffwerten getrickst zu haben, gerieten auch andere Hersteller von Diesel-Fahrzeugen ins Visier der Behörden – Audi, Porsche, BMW und Daimler in Deutschland. Aktiv wurden Ermittler aber auch im Ausland.

Treffen im August

Politik und Industrie in Deutschland treffen sich Anfang August, um über die Diesel-Problematik zu beraten. Möglich ist, dass sich die Autohersteller dazu bereit erklären müssen, die Diesel-Fahrzeuge in Werkstätten umrüsten zu lassen. Alleine in Deutschland, so berichtet der «Spiegel», wären davon 13 Millionen Dieselfahrzeuge betroffen.