Die Flut ist kaum zu bändigen. In den Verteilzentren von Postnord landen wöchentlich 600'000 Pakete aus China. Die Schweden lieben Billig-Shopping am anderen Ende der Welt. Der Volkssport floriert und Postnord ächzt. Als dann im letzten Herbst der «Black Friday» auch hier zum ersten mal so richtig krachte, jammerten die Postverantwortlichen in den Medien über den Unsinn, statt die Pakte pünktlich zu verteilen.

Postnord ist eine 2009 eingegangene Fusion der Staatlichen Post von Schweden und Dänemark. Die Schweden halten 60, die Dänen 40 Prozent. Postnord ist quasi die «Wasa» der Fusionen. Das Unternehmen kennt die Verlustzone nur zu gut und der Servicegedanke wurde auch nicht hier erfunden: Verschollene Briefe, Zustellungsverweigerungen und Briefkästen, die nicht geleert werden, um nur ein wenig aus dem Beschwerdenkatalog zu berichten.

Während Postnord unter den China-Paketen litt, war die Regierung auf der Suche nach mehr Geld. Denn sie hat ebensolches bereits im letzten Herbst grosszügig an alle Wählerschichten verteilt. Es ist Wahljahr und die regierenden Sozialdemokraten wollen keinen vergessen. Alle sollen sie im September wieder wählen gehen. Die Mehrwertsteuer – moms genannt – ist in Schweden ein wichtiger Liquiditätslieferant im Sozialstaat.

Wer auch immer nun bemerkte, dass die Millionen von China-Paketen das Land fluten, ohne dafür Mehrwertsteuer abzuliefern, ist eine zwiespältige Figur. Er ist der Held derer, die auf Gerechtigkeit pochen, und die Hassfigur der Chinashopper. So gilt seit dem ersten März auf Paketen von ausserhalb der EU-Zollunion Mehrwertsteuer- und Bearbeitungsabgabepflicht.

Kein neues Gesetz

Wer nun glaubt, die Schweden hätten in aller Eile einen Anti-E-Handel-Artikel aus dem Hut gezaubert, der irrt. Die Bestimmung ist nicht neu, sie wurde nur nie angewendet. Lediglich fünf Millionen Franken an Mehrwertsteuer soll Schweden letztes Jahr bei E-Handel- Importen eingenommen haben. Seit dem ersten März ist alles anders.

Das gilt jedoch auch für eine bestimmte Gruppe der Einwohner Schwedens: nämlich für die Auslandschweizer. Rund 6000 Schweizer leben in Schweden. Da ist es nicht verwunderlich, dass Cervelat- und Fonduepäckli oder generell Post aus der Heimat beliebt sind. Bis Ende Februar gab es nichts zu klagen. Die Pakete aus der Schweiz – mit exorbitantem Porto versehen – haben ihre Ziele ohne grosse Probleme erreicht. Seit März dürfen Inhalt und Porto von einem Geschenkpäckli jedoch den Betrag von 500 Kronen (58 Franken) nicht mehr übersteigen. Das gibt nicht viel Cervelat und noch weniger Fondue, dafür gesalzene Zahlungsaufforderungen, um das Paket freizukaufen. Der eine oder andere Schoggihase dürfte über Ostern wahrhaftig vergoldet worden sein oder ist noch gar nicht angekommen. Pakete aus der Schweiz werden vermisst und viele Auslandschweizer sind entsprechend sauer. Denn trotz gut sichtbaren Inhaltsbeschreibungen und einem Wert unter der Schwelle verschickt Postnord im Auftrag des Zolls nun Zahlungsaufforderungen.

Aufklärung soll besser werden

In den Zahlungsaufforderungen finden sich keine Kontakte für Rekurse, keine Angaben zu Fristen, die einzuhalten wären, und keine Hinweise auf die Rechtsgrundlage. Auf Anfrage der «Schweiz am Wochenende» haben sowohl der Zoll als auch Postnord diesen Missstand zugegeben. Laut Postnord soll die Kommunikation bald dahingehend verbessert werden. Doch inzwischen werden auch für Päckli, die als Geschenk markiert sind, Zahlungsaufforderungen verschickt. Denn die Chinesen lernen schnell und haben begonnen, alle Pakete als Geschenk zu deklarieren.

Da die Schweiz nicht zur EU-Zollunion gehört, bleibt für Auslandschweizer nur das Bezahlen. Oder es erbarmt sich der Absender und er fährt mit dem Päckli nach Deutschland zur Post.