Landkreis Vorpommern-Greifswald. Nahezu unberührte Landschaften, ein paar alte Schlösser und Kirchen, ab und zu eine kleine Gemeinde. Der Duft der nahen Ostsee, ständig dieser Wind. Wer auf der Landstrasse nach Anklam fährt, reist durch pure Idylle. Und doch fährt dieses Gefühl der Beklemmung mit.

Anklam hat einen schlechten Ruf in Deutschland. Wenn die Stadt landesweit Schlagzeilen macht, dann als Hochburg der Neonazis. Vor fünf Wochen, Ende Mai, hat die Nationaldemokratische Partei NPD bei der Wahl zur Stadtvertretung auf 10,6 Prozent zulegen können. Fast unbemerkt vom Rest der Republik. Eine Partei, die im Geiste verwandt ist «mit dem historischen Nationalsozialismus», wie es im Verfassungsschutzbericht heisst. Deren Vorsitzende in der Vergangenheit dazu aufgerufen hatten, «Einfluss und Macht des Zentralrates der Juden» zu brechen.

«Jeder Sechste in Anklam ist ohne Job, viele wandern ab. Wer bleibt, muss sich mit Nazis arrangieren», schrieb die «Zeit» vor drei Jahren über den 12 000 Einwohner zählenden Ort, der dieses Stigma nicht mehr loskriegt. Schon gar nicht, wenn die NPD zulegt. Obwohl der parteilose Bürgermeister und die vielen Initiativen der Zivilgesellschaft alles dafür tun, um ihren Ort, der 1945 von Bombergeschwadern dem Erdboden gleichgemacht wurde, offen und lebenswert zu gestalten.

Der Marktplatz ist belebt, Geschäfte, Restaurants, Bäckereien, freundliche Menschen, sanierte Häuser. Die Abwanderung ist gebremst, die Arbeitslosigkeit mit etwa 11 Prozent weit über dem Durchschnitt, aber – immerhin – allmählich sinkend. Anklam ist Geburtsort des Luftfahrtpioniers Otto Lilienthal, es hat im Ort ein Museum zu seinen Ehren. Doch im Westen des Landes wissen das die wenigsten. Wenn sie von Anklam reden, kommen sie auf die Nazis zu sprechen.

«Ich muss den Nazis die Stirn bieten»

Die Pasewalkerstrasse ist die zentrale Achse durch den Ort, gewissermassen die Hauptschlagader von Anklam. Hier lebt die messianische Jüdin Yehudit Bachman. Sie glaubt an Jesus Christus als Messias, zelebriert aber alle Brauchtümer des Judentums. Eine fröhliche Frau von 63 Jahren. Fester Händedruck, schallendes Lachen. Geboren und aufgewachsen im Kanton Aargau, beide Eltern waren jüdischen Glaubens. In den frühen 1990er-Jahren ausgewandert. Tirol, dann viele Jahre Jerusalem.

Vor sechs Jahren hat Yehudit Bachman eine Dokumentation im Fernsehen über Neonazis in Ostdeutschland gesehen. Gott habe ihr danach gesagt, sie müsse zu den Nazis gehen, erzählt die gläubige Frau. Sie ist nach Anklam gereist, hat einen leerstehenden Raum gemietet und darin den «Schlomi-Shop» eröffnet. Einen Secondhand-Trödler-Laden.

Es gibt Babykleidung, Kochtöpfe, Wasserkocher, Besteck, Tassen, viel Krimskrams. Alles aus Spenden gesammelt, zu haben für 50 Cent bis 5 Euro. Im Schaufenster des «Schlomi-Shops» sind die Flaggen von Israel und der Schweiz angebracht, und auf einem kleinen Kleber steht: «Kauft bei Juden!»

«Reden nützt nichts»: Yehudit Bachmann über ihren Nachbarn und ihren Shop:

«Reden nützt nichts»: Yehudit Bachmann über ihren Nachbarn und ihren Shop

«Reden nützt nichts»: Yehudit Bachmann über ihren Nachbarn und ihren Shop

Ausgerechnet Anklam. Ausgerechnet Deutschland. Der Vater hasste die Deutschen wegen der Schoah, und Yehudit Bachman ist im Glauben aufgewachsen: «Deutschland ist wie ein Monster, das nur darauf wartet, dich zu verschlingen.» Heute lebt sie gerne hier. Sie sagt:

Das tut sie in gewisser Weise, wenn auch mehr symbolisch. Im Nachbarhaus des «Schlomi-Shops» hat der Landesverband der NPD seine Parteizentrale. Quasi Mauer an Mauer zum Büro der NPD und zur Kanzlei des bekannten Rechtsextremen-Anwalts Michael Andrejewski. Er sass bis 2016 für die NPD im Landtag von Mecklenburg-Vorpommern, dann sind die Rechtsradikalen aus dem Parlament geflogen. Heute ist Andrejewski im Kreistag von Vorpommern-Greifswald.

Vor einigen Monaten war der ehemalige NPD-Chef Udo Pastörs zu Gast im Nebenhaus. Pastörs sagt über Deutschland Dinge wie «Judenrepublik», im Landtag lobte er mal Hitler für seine Idee zur «Vernichtung des jüdischen Bolschewismus». 2018 sind die Rechtsextremen durch den Ort gezogen, vor dem «Schlomi-Shop» haben die Glatzen mit den Springer-Stiefeln «Deutschland den Deutschen, Ausländer raus!» skandiert. Yehudit Bachman hat daraufhin ihre Israel-Flagge aus dem Fenster gehängt.

Der Verfassungsschutzbericht erwähnt Anklam und die lokale Szene mehrmals. Von geschichtsrevisionistischen Treffen in der NPD-Zentrale an der Pasewalkerstrasse ist die Rede, von Auftritten rechtsextremer Liedermacher. Von Verbindungen zu Rockerclans «neonazistischer Ausrichtung», von Treffen mit dem «Kameradschaftsbund Anklam».

Todesdrohung im Internet

Yehudit Bachman wollte Andrejewski in den «Schlomi-Shop» einladen, zum Gespräch. «Ich kann ihm gegenüber bezeugen, dass es Gott gibt», sagt sie in einer Mischung aus Schweizerdeutsch und Tirolerdialekt.

Die Leute von der NPD seien «verloren», sagt sie auch. «Ich kann nur noch für sie beten.» Manchmal würde der NPD-Mann kurz grüssen, wenn er Yehudit Bachman auf der Strasse begegne. «Wenn mir etwas zustösst», sagt sie, «dann wissen alle, aus welcher Ecke das gekommen ist.» Das sei die Strategie der NPD. Schaut her, wir haben sogar eine Jüdin im Nebenhaus und tun ihr nichts. «Aber im Untergrund der Szene brodelt es», glaubt Yehudit Bachman, die im Internet in Foren mitliest und den Hass der Rechtsextremen mitbekommt.

Seit dem Tod des CDU-Politikers Walter Lübcke, der mutmasslich durch einen Rechtsextremisten erschossen worden ist, tue sich was im Untergrund.

Sie selbst hat auch schon Todesdrohungen bekommen für ihre israelfreundlichen Posts auf Facebook. Sie öffnet auf ihrem Laptop einen Screenshot und liest vor. «Trage einen gelben Stern am Arm, damit man dich erkennt. Wenn es zu einem freien Europa der Vaterländer kommt, wirst du (…) schnellstmöglich deportiert. (...) Wer auch nur ein Prozent jüdisches Blut hat, muss getötet werden.» Ziel müsse «die komplette Auslöschung des jüdischen Blutes» sein. Bachman hat Anzeige erstattet, der Absender des Posts wurde ausfindig gemacht und inzwischen verurteilt.

Manchmal werfen Unbekannte gegen den «Schlomi-Shop» leere Bierflaschen, einer hat mal gerufen: «Jude! Verschwinde aus Anklam!» Ihren Shop besuchen immer weniger Menschen, Yehudit Bachman ist überzeugt, dass die Menschen ihren Laden meiden, weil sie von den Rechtsextremen eingeschüchtert werden. Bachman sagt:

Bachman bei «Juden in der AfD»

Die Kippa auf ihrem Haupt trägt Yehudit Bachman erst seit zwei Wochen. Obwohl im Judentum eigentlich nur die Männer die Kopfbedeckung tragen. Aber Bachman will ein Zeichen setzen, weil Politiker in Berlin gewarnt hatten, Juden sollten sich in gewissen Gebieten und Städten besser nicht mehr als Juden zu erkennen geben.

Bachman ist eine couragierte Frau, sie tut das alles aber nicht aus einem politisch linken Antrieb heraus. Die gebürtige Aargauerin bezeichnet sich selbst als konservativ, hat Verständnis für die Menschen in Ostdeutschland, die «zwei Diktaturen miterleben mussten und nun von der EU wieder fremdbestimmt werden sollen». Und angesichts der vielen Sozialhilfeempfänger und Arbeitslosen in der Gegend sei es doch klar, dass «Futterneid aufkommt, wenn plötzlich Tausende von Flüchtlingen kommen.»

Yehudit Bachman hat sich daher den «Juden in der AfD» angeschlossen. Es klingt widersprüchlich, hat die Partei doch selbst mit rechtsradikalen Strömungen zu kämpfen. «Die Rechtsextremen», sinniert Bachman, «müssen die Partei endlich verlassen. Die AfD ist eine konservative Partei.» Doch das werde sie wohl demnächst selber tun, «als schweizerisch-israelische Doppelbürgerin kann ich ja so oder so nicht viel tun».

Yehudit Bachman ist sanftmütig im Umgang, im Internet scheint sie selbst kein Kind von Traurigkeit zu sein. Auch sie wurde schon von Facebook gesperrt, weil sie harte Worte wählt, wenn sie gegen Islamisten anschreibt. Der Islam, referiert sie nun mit etwas lauterer Stimme, sei eine gefährliche Religion. Sie versichert:

In vier Jahren, sagt Bachman, will sie zurückkehren nach Jerusalem. Dort fühlt sie sich zu Hause. Den Bezug zur Schweiz hat sie verloren. Sie hat noch ein paar Verwandte dort, aber keinen Kontakt mehr zu ihnen.

In Anklam hat es inzwischen leicht zu regnen begonnen. Yehudit Bachman gibt dem Reporter eine Flasche selbst gemachter Salatsauce mit, Geheimrezept, «koscher», wie sie versichert. Die Sauce wolle sie bei der Sendung «Höhle des Löwen» vorstellen und hofft auf den grossen Coup. 20 Minuten dauert die Fahrt durch die grüne Landschaft zurück auf die Autobahn nach Berlin. Regen und Wind haben die Idylle vertrieben. Hinter den hastig hin und her wedelnden Scheibenwischern wirkt die Gegend nun rau, fast ein bisschen ungemütlich.