Bob Lutz

Schweizer Auto-Pionier: «Trump ist ein scheuer Mensch»

Diese zwei haben das Heu auf derselben Bühne: Donald Trump und Bob Lutz (damals Vize-Chef von General Motors) an der New York International Auto Show 2005.

Diese zwei haben das Heu auf derselben Bühne: Donald Trump und Bob Lutz (damals Vize-Chef von General Motors) an der New York International Auto Show 2005.

Der Schweizer Bob Lutz (84) kennt Trump persönlich und weiss genau, wie der zukünftige Präsident der USA tickt

Herr Lutz, Sie sind Republikaner. Trotzdem haben Sie im August gesagt, dass sie nicht wählen gehen werden, wenn Trump seinen Stil nicht ändert. Haben Sie gewählt?

Bob Lutz: Natürlich. Man musste sich ja nur die Alternative zu Trump anschauen. Ich bin überzeugt, dass Hillary Clinton potenziell kriminelle Handlungen begangen hat, dass sie lügt und dass sich unter ihr ein kriechender Sozialismus etabliert hätte. Ordnung und Gesetz wären zusammengebrochen, es wäre alles schlimmer geworden.

Stellt denn Trump gar kein Risiko dar für die Stabilität in Amerika?

Ich habe mir gesagt: Wenn Trump gewählt wird und sich herausstellt, dass er der Aufgabe nicht gewachsen ist, dann kann man laut der Verfassung immer noch vieles gegen ihn tun. Der Kongress kann ihn absetzen, das oberste Gericht kann einschreiten. Mit Hillary aber würden alle Steuern rauf, es kämen noch mehr illegale Mexikaner ins Land und es wäre schwierig, sie zu stoppen.

Nun, Trump hats geschafft und ist der 45. Präsident der USA. Ihr erster Eindruck?

Er macht auf mich einen absolut ruhigen und vernünftigen Eindruck. Es gibt verschiedene Trumps: den Wahlkampf-Trump, den privaten Trump, den ich kennen gelernt habe, und den Präsidenten Trump, auf den wir jetzt gespannt sind. Ich glaube je länger, je mehr, dass der Wahlkampf-Trump ein ausgeklügeltes Schauspiel war. Weil er wusste, dass er mit den konventionellen Methoden nicht gewinnen kann, hat er provoziert.

Ziemlich heftig sogar.

Vielleicht war er zuweilen etwas zu volkstümlich. Aber er war ehrlich, hat frisch von der Leber weg gesprochen. Viele Berater sagten ihm: Herr Trump, bitte, das kann so nicht gut gehen. Er hat nicht darauf gehört. Jetzt wird Trump seine andere Seite zeigen.

Hat Sie sein Sieg nicht überrascht?

Ich war bis zum Wahlabend nicht sicher, ob er es schafft. Wenn man sich aber anschaut, wie viele Arbeiter und Mittelständische jeweils zu Trumps Rallyes kamen – 10 000, 20 000, 100 000 – dann überrascht mich sein Sieg eigentlich nicht. Die Vorhersagen haben den Enthusiasmus der Leute nicht mitgerechnet – genau wie kürzlich bei der Brexit-Abstimmung. Die Wettbüros setzten ja mit bis zu 90-prozentiger Wahrscheinlichkeit darauf, dass Hillary gewinnt. Viele Leute haben massenhaft Geld verloren.

Was ging Ihnen durch den Kopf, als sein Sieg feststand?

Ich habe den Wecker auf zwei Uhr morgens gestellt. Ich habe extra den Sender CNN eingestellt, weil ich weiss, dass die Hillary unterstützt haben. Die bestürzten Gesichter der Moderatoren haben meinem alten Herz wohlgetan.

Hätte Trump in der Schweiz eine Chance gehabt, wenn wir einen Präsidenten wählen könnten?

Er hätte in der Schweiz kaum eine Chance gehabt. Die Schweiz hat eine vernünftige Politik, die weder extrem nach rechts noch extrem nach links neigt. In der Schweiz ist nicht diese enorme Frustration zu spüren, die der Mittelstand in den USA spürte. In Amerika wurde viel zu viel Geld ausgegeben für sinnlose Umweltprojekte, für Sozialausgaben, für die Krankenversicherungen illegaler Migranten. Und die Steuern stiegen. Besonders die Erbschaftssteuer ist eine Katastrophe. Da zahlt man ein Leben lang, und wenn man stirbt, kommt der Staat und nimmt einem noch einmal die Hälfte weg. Der Durchschnittsamerikaner schaute sich das an und sagte: Das ist nicht mehr mein Land.

Ist Obama verantwortlich für Trumps Aufstieg?

Der Demokrat Obama hat wie ein König regiert. Das Ergebnis: Die Demokratische Partei, die mal die Partei der Arbeiter war, ist heute ein Sammelbecken für Schauspieler, Journalisten und abgehobene Banker. Der gesunde Mittelstand, die Arbeiterschaft, die Unternehmer, die sind auf der Seite der Republikaner.

In Frankreich und in Deutschland stehen Wahlen an. Wie stünden denn da Trumps Chancen?

Bei Frankreich wäre ich mir nicht so sicher. Es würde mich nicht überraschen, wenn da Le Pen gewinnen würde. In Deutschland ist es ähnlich. Wenn die Frustration im Volk zu hoch wird, gibt es eine Gegenreaktion. Manchmal geht die schief, wie damals, als Adolf Hitler gewählt wurde.

Sie haben den American Dream gelebt und es an die Spitze der Auto-Industrie geschafft. Ist Trump denn gut für die amerikanische Wirtschaft?

Ja, absolut. Die Vorschriften der amerikanischen Steuerbehörden sind schlimm, Trump wird das ändern. Ich habe ja ein Haus im Engadin. Ich habe immer einen gewissen Betrag in der Schweiz platziert. Die Schweizer Banken sagen mir aber neuerdings: «Herr Lutz, wir wollen Ihr Geld nicht mehr. Die Zusammenarbeit mit den amerikanischen Steuerbehörden ist so kompliziert, dass es sich für uns nicht mehr lohnt.» Auch die Bürokratie in Washington wächst ins Unermessliche. Das blockiert alles. Trump wird die Bürokratie beenden. Er wird dieses fast schon sozialistische System abschaffen.

Haben Sie Trump im Wahlkampf finanziell unterstützt?

Er hat mich nie gefragt.

Sie haben Trump mehrmals persönlich getroffen. Können Sie sich an die Treffen erinnern?

Natürlich. Das erste Mal traf ich ihn bei einer Veranstaltung von Chrysler in der Nähe von Detroit. Ich war damals Chrysler-Präsident. Das zweite Mal sah ich ihn an einer New Yorker Autoausstellung. Da habe ich ihm einen Cadillac ausgeliefert.

Ich nehme an, das war eine echte Luxuskarosse.

Das war eine grosse Cadillac-Limousine, die wir extra für ihn bauen liessen. Die Designer haben eine spezielle Innenausstattung entworfen mit allem, was man in ein Auto reinpacken kann. Wir haben eigentlich ein fahrbares Büro gebaut.

Wie ist denn Trump so im persönlichen Umgang?

Wir haben in New York fast 40 Minuten lang miteinander gesprochen. Er ist ein gesunder, netter Mann. Er ist überhaupt nicht von sich selber eingenommen. Wenn man mit ihm spricht, dann hat man nie den Eindruck, man spreche mit einer steinreichen Berühmtheit. Er stellt sich auf die gleiche Ebene wie alle anderen. Und: Trump ist ein relativ scheuer Mensch.

Intelligent?

Sehr. Und er hat viel Humor, lacht gerne. Ich glaube, das wird gut gehen mit ihm als Präsident.

Glauben Sie, dass er seine Wahlversprechen – zum Beispiel den Bau der Mauer – einhalten wird?

Klar. Allerdings darf man sich das nicht so vorstellen, dass er da jetzt Backsteine aufeinanderbeigen wird. Man muss das eher als virtuelle Mauer verstehen, die die Grenzsicherheit erhöht. Was er sicher macht, ist, die rund drei Millionen Mexikaner, die Verbrechen begangen haben, auszuschaffen. Und er wird konservative Richter ins oberste Gericht holen. Wenn Hillary Präsidentin geworden wäre, wäre das Spiel bald vorbei gewesen. Dann hätte man neben einer linken Präsidentin plötzlich auch noch linke Richter gehabt: eine tödliche Kombination.

Trump hat auch angekündigt, Jobs – zum Beispiel jene der Autoindustrie – zurück in die USA zu holen. Das
dürfte schwierig werden, oder?

Bis zu einem gewissen Grad ist das möglich. Wenn er zum Beispiel die Unternehmenssteuer für Grosskonzerne wie General Motors von heute 35 auf 15 oder 20 Prozent senkt, dann hilft das natürlich. Aber was Trump bisher nicht ganz versteht, ist, dass die Lohnkosten in den USA sehr viel höher sind als etwa in China oder in Mexiko. Dort gibt es übrigens hervorragende Autoproduktionsstätten. Die Mexikaner sind unglaublich diszipliniert und gut ausgebildet. Die mexikanischen Werke gehören zu den besten der Welt. Es wird also schwierig sein für Trump, der Autoindustrie zu sagen: Ihr produziert ab jetzt wieder in den USA. Dann wird die Autoindustrie einfach zurückfragen: Und wer zahlt die Hunderte Millionen zusätzlicher Lohnkosten?

Und, wer zahlt die?

Es könnte theoretisch ein Staatsprogramm geben, das Firmen unterstützt, die ihre Produktion wieder in die USA verlegen. Aber ein solcher staatlicher Eingriff ins marktwirtschaftliche System wäre grundfalsch. Man kann das Land nicht mit Verordnungen verändern, sondern nur mit einem richtigen Belohnungssystem. Die Industrie kann Trump mit weniger Regulierungen und geringeren Steuern belohnen.

Sie sind einer der Pioniere der amerikanischen Elektroauto-Szene, haben als General-Motors-Manager den elektrischen Chevy Volt lanciert und sind Verwaltungsratspräsident von Via Motors, die herkömmliche Benzinautos zu Elektroautos umrüstet. Bedeutet Präsident Trump das endgültige Aus für die Elektro-Autos?

Ich glaube an die Zukunft von elektrischen Autos. Sie sind effizient, sauglatt zu fahren und lange haltbar. Aber mit den tiefen Benzinpreisen, die wir heute in Amerika haben, sind Elektroautos schlicht nicht wirtschaftlich. Fast 100 Prozent der Amerikaner bevorzugen nach wie vor Benzin- oder Diesel-betriebene Autos. Solange Elektro-Autos teurer sind in der Anschaffung und im Unterhalt als herkömmliche Autos, wird die Elektro-Industrie unter Trump in Schwierigkeiten geraten. Ob die Firma Via Motors seine Präsidentschaft übersteht, weiss ich nicht.

Man müsste also die Benzinpreise erhöhen, um die Elektroauto-Industrie zu retten?

Es gibt zwei Methoden: Entweder ist es günstiger für den Konsumenten, auf ein Elektro-Auto umzusteigen, oder der Umstieg wird vom Staat verordnet. Unter Trump wird es keine solche Verordnung geben. Es muss sich für die Konsumenten also finanziell lohnen, umzusteigen. Sonst wird die Industrie untergehen.

Auch bei der Elektro-Industrie
sind Sie also strikte gegen staatliche Unterstützung?

Wenn man Hunderte Milliarden Dollar in Projekte steckt, die eine negative Rendite haben, dann hat das negative Auswirkungen auf die gesamte Volkswirtschaft. Und die Elektro-Industrie ist derzeit schlicht nicht rentabel. Stellen sich vor, eine Autofirma würde jahrelang in ein Modell investieren, das niemand kaufen will. Diese Firma wird pleitegehen. Das ist doch einleuchtend. Und trotzdem geben verschiedene westliche Regierungen blind Geld aus für grüne Projekte, auch wenn die niemand will und auch wenn die unglaubliche Subventionsmengen fressen. Und dann fragt man sich, wieso die Wirtschaft ins Stocken gerät?

Aber Elektro-Autos sind doch langfristig ein perfektes Mittel, um den Klimawandel zu stoppen?

Diese Klima-Diskussion: Das ist alles erstunken und erlogen. Der Klimawandel ist nur ein Konzept, um neue Steuern einzutreiben. Ich glaube absolut nicht daran. Ich verfolge das seit den 80er-Jahren. Es wurden schon so viele Katastrophen vorhergesagt: Im Himalaja werde es keinen Schnee mehr geben, Manhattan werde 20 Zentimeter unter Wasser stehen. Alle paar Jahre kommen neue Katastrophenprognosen. Sobald die draussen sind, interessiert sich niemand mehr für die alten Vorhersagen, die nie eingetroffen sind.

Sie haben ein Haus im Engadin. Was ist denn mit dem Gletschersterben in den Alpen?

Kennen Sie den Morteratschgletscher?

Der liegt oberhalb von Pontresina.

Genau. Da gibt es einen Wanderweg mit Tafeln, die anzeigen, bis wohin der Gletscher vor 400 Jahren, vor 350 Jahren, vor 300 Jahren und so weiter gereicht hat. Der Morteratschgletscher ist seit ein paar hundert Jahren am Schmelzen. Das hat mit der heutigen Industrie und dem angeblich von ihr verursachten Klimawandel überhaupt nichts zu tun.

Sie engagieren sich also nicht für Elektroautos, weil Sie damit den Klimawandel aufhalten wollen?

Nein. Die Demokraten behaupten zwar, der Verkehr verursache einen Fünftel der Kohlenstoff-Emissionen. Das stimmt aber nicht. Was stimmt, ist: 98 Prozent des Kohlenstoffs wird von Pflanzen aufgenommen und in Sauerstoff verwandelt. Übrig bleiben zwei Prozent, die die Pflanzen nicht aufnehmen können. Der Verkehr ist nur für einen Fünftel dieser zwei Prozent, also insgesamt nur für
0,4 Prozent des Kohlenstoff-Ausstosses, verantwortlich. Wer also sagt, die Autos würden einen Fünftel des Kohlenstoffausstosses verursachen, der lügt.

Apropos: Was bedeutet denn ein Präsident Trump eigentlich für die Schweiz?

Ich glaube nicht, dass sein politisches Programm die Schweiz direkt betrifft. Aber ich glaube, generell wird seine Präsidentschaft einen positiven Effekt haben für die westlichen Staaten. Die Schweizer Wirtschaft ist stark abhängig vom Finanzsektor, der negativ getroffen wurde durch die Reglemente gegen Geldwäscherei, die kürzlich erlassen worden sind. Die Banken haben darunter gelitten. Ich habe kürzlich mit einem Vertreter einer Grossbank gesprochen, der mir erzählt hat, dass sie statt wie früher
350 jetzt 5000 Leute beschäftigen, die nur dazu da sind aufzupassen, dass sich die Bank an die Regeln hält. Wenn Trump nun diese übertriebenen Vorschriften zurücknimmt, dann ist das für die Schweizer Wirtschaft positiv.

Sie haben kürzlich mal gesagt, es sei schade, dass Trump nie im Militär war. Sie selbst waren Kampfpilot beim US Marine Corps und sind Koreakrieg-Veteran. Welche Lektionen hätte Trump denn im Militär lernen können?

Vorweg: Ich bin ja ein starker Befürworter der Dienstpflicht und fände es sehr schade, wenn die Schweiz sie abschaffen würde. Und was das amerikanische Militär angeht: Das wurde in den letzten Jahren mehr und mehr für gesellschaftliche Experimente missbraucht. Frauen in Kampfeinheiten, Transgender-Truppen und so weiter, was soll das bringen? Das ist doch völliger Mumpitz. Das Militär ist da, um Schlachten zu gewinnen und Krieg zu führen.

Trump hätte also gar nichts Schlaues lernen können?

Doch. Besonders als Offizier erlernt man einen sehr guten, adaptiven Führungsstil. Taff und schnell, wenn es sein muss; unter Einbezug der Meinung von Mitarbeitern, wenn es die Zeit zulässt. Man lernt zu delegieren, zu kontrollieren. Die besten Führungspersönlichkeiten, die ich kenne, sind alles ehemalige Offiziere. Trump hätte da also hilfreiche Lektionen mitbekommen. Aber: Ich habe Trump in seinen ersten Tagen als Präsident beobachtet. Er benimmt sich sehr viel reifer, als ich mir das erhofft hätte und wählt gute Leute aus für sein Kabinett.

Also wird alles gut?

Ich denke, eine bittere Pille wird er schlucken müssen: Er stellt sich die Veränderung von Washington, das Aufbrechen der Machtstrukturen in der Hauptstadt viel zu leicht vor. Er hat noch keine Ahnung davon, wie zäh das in Washington wird. Das wird für ihn ein Schock sein.

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