Coronavirus

Schweden top, Spanien flop: Zahlt sich die nordische Lockerheit jetzt doch noch aus?

Spaniens u30-Generation beschert dem Land eine dramatische zweite Welle. Schweden hingegen ist fein raus – auch ohne Maskenpflicht.

Schweden und Spanien: Das sind die beiden derzeitigen Extremländer, wenn man die täglichen Corona-Neuinfektionen betrachtet. Während Spanien wieder am Abgrund steht, geniessen die Schweden den Spätsommer - ganz ohne Maske.

Spanien fällt weit zurück – trotz Maskenpflicht

«Besorgniserregend» sei der Anstieg der Coronainfektionen in seinem Land, sagte Spaniens Regierungschef Pedro Sánchez diese Woche. Doch eine neue strenge Ausgangssperre will er vorerst nicht verhängen. Dabei sieht die Lage dramatisch aus: In den vergangenen Tagen stieg die Zahl der Neuansteckungen auf täglich über 8000 oder rund 18 pro 100000 Einwohner: Nirgendwo sonst in Europa sind die Zahlen derart rasant gestiegen. Spanien erlebt eine zweite Welle, wie sie im Buche steht.

Bereits Mitte August traten neue Massnahmen in Kraft: So ist etwa das Rauchen auf der Strasse verboten, sofern der Mindestabstand nicht eingehalten werden kann. Auch der Konsum von Alkohol mit anderen Personen ist im öffentlichen Raum untersagt. Einige Regionalregierungen liessen ganze Gemeinden abriegeln.

Das Problem: 30-Jährige, die noch bei den Eltern wohnen

Obwohl in Spanien praktisch überall Maskenpflicht herrscht, ist das Land der zweiten Welle kaum gewachsen. «Bei Familientreffen und beim Feiern werden die Mindestabstände in Spanien kaum eingehalten», erklärt Ildefonso Hernández Aguado, Epidemiologe der Spanischen Vereinigung für öffentliche Gesundheit, im Gespräch mit CH Media. Vor allem junge Menschen würden die Gefahr unterschätzen. Mehr als zwei Drittel aller Infizierten sind noch keine 30 Jahre alt. «Ein grosses Problem, bedenkt man, dass rund 50 Prozent aller unter 35-jährigen Spanier noch bei ihren Eltern wohnen.»

Doch Spaniens Junge sind nicht der einzige Grund für den erneuten Virenausbruch. Auch die sofortige Öffnung des Tourismus zur Rettung der Sommer-Hochsaison ging vielen Experten viel zu schnell.

«Spanien hat sich schlecht auf die zweite Welle vorbereitet», sagt der spanische Gesundheitsexperte Javier Padilla. Es fehle immer noch an Testkapazitäten. Auch die Rückverfolgung von Infektionsketten funktioniert immer noch nicht. Wer in Spanien ins Restaurant geht, braucht keine Kontaktdaten zu hinterlassen. Deshalb setzt die Regierung jetzt sogar 2000 Soldaten ein, um die regionalen Behörden beim Contact-Tracing zu unterstützen. Politische Scharmützel zwischen der sozialistischen Zentralregierung und den zahlreichen konservativen Regionalregierung torpedieren die Suche nach gemeinsamen Strategien und Massnahmen dabei zusätzlich.

Schweden nimmts weiter locker – mit Erfolg

Ganz anders sieht die Situation derzeit in Schweden aus. Tiefer als hier sind die täglichen Neuansteckungen derzeit nirgendwo in Europa.

Was ist passiert? Monatelang stand Schweden im Scheinwerferlicht, weil es keinen Lockdown, sondern nur wenige Restriktionen verfügte; etwa ein Verbot für Versammlungen von mehr als 50 Personen. Stattdessen gaben die Behörden den gut zehn Millionen Bürgern des nordischen Landes einfache Empfehlungen ab: Hände waschen, Abstand halten, bei Symptomen zu Hause bleiben, wenn möglich Home Office. Geschäfte, Grundschulen und Grenzen blieben offen. Die lockere Strategie geniesst bei den Schweden bis heute hohe Zustimmung. Das gesellschaftliche Leben wurde zwar stark gebremst, auch wenn die Zahl der Todesfälle (bis heute 5835) im Vergleich mit den Nachbarländern, mit Deutschland oder auch der Schweiz deutlich höher waren.

Im Sommer änderte sich dieser Trend: Fast schlagartig sanken in Schweden die Zahlen, auch die Todesfälle und Hospitalisierungen gingen zurück, während die Ansteckungen im restlichen Europa anstiegen. Anders Tegnell, Chefepidemiologe und Architekt der Strategie, bezeichnet die hohe Immunität in der Bevölkerung als Hauptgrund für diese Entwicklung.

Andere werden Probleme haben, sagt Chefvirologe

Entscheidend sind dabei nicht nur die Antikörper gegen Corona, die sich selbst im am stärksten betroffenen Stockholm nur bei 15 bis 20 Prozent der Leute nachweisen lassen. Wichtig sind auch die sogenannten T-Zellen, eine zweite Abwehrfunktion des Körpers, die in Schweden bei rund doppelt so vielen Menschen vorhanden sein dürften.

Epidemiologe Tegnell hat stets abgestritten, dass er eine Herdenimmunität anstrebe. Er musste sich gegen scharfe in- und ausländische Kritik wehren, leichtfertig oder gar bewusst eine Durchseuchung der Bevölkerung zuzulassen. Doch er stellte auch klar, dass das Virus ohne relativ breite Immunität oder Impfung nicht zu stoppen sei. Das oberste Gebot war, das Gesundheitssystem aufrecht zu erhalten. Zudem sollte die Strategie für die Bevölkerung über längere Zeit zumutbar sein. Harte Restriktionen würden schlecht akzeptiert und hätten langfristig negative Folgen für die Gesellschaft, sagte Tegnell.

Nicht wegdiskutieren lassen sich allerdings die Todeszahlen. Tegnell hat zugegeben, dass wegen Mängeln in den Altersheimen viel zu viele Menschen gestorben seien, hier sei die Strategie nicht gut genug gewesen. Allerdings gab es in Schweden gemessen an der Bevölkerungszahl weniger Tote als in Spanien, Italien Grossbritannien oder den USA – alles Länder mit hartem Lockdown.

Für eine zweite Welle sei Schweden gut gerüstet, glaubt Tegnell. In anderen Ländern sieht er aber Probleme wegen tiefer Immunität und weil erneut unpopuläre Restriktionen eingeführt werden. Der Chefepidemiologe appelliert weiter an die Eigenverantwortung, seine Strategie soll unverändert bleiben. Masken empfiehlt er weiterhin nicht, es sei denn, es komme zu lokalen Ausbrüchen. Die könne es im Winter auch in Schweden geben. Doch diesmal, so hofft er, seien die Altersheime besser vorbereitet.

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