USA

Schüsse im Live-TV nur ein Beispiel: In US-Städten steigt Zahl der Morde an

Nur die Spitze des Eisberges: Trauer um die beiden erschossenen Journalisten in Roanoke (Virginia). Heather Rousseau/keystone

Nur die Spitze des Eisberges: Trauer um die beiden erschossenen Journalisten in Roanoke (Virginia). Heather Rousseau/keystone

Der kaltblütige Mord an zwei Fernsehjournalisten im Bundesstaat Virginia ist bloss die Spitze eines Eisbergs:Nach Jahren des Rückgangs steigt die Zahl der gewaltsamen Tötungen rapide an.

Alles begann ganz harmlos. Als Eric Lee Smith (44) vor einigen Tagen in Washington einen Bus der städtischen Verkehrsbetriebe bestieg, war das Fahrzeug übervoll. Also kehrte Smith um. Auf dem Weg zum Ausgang streifte eine Tasche, die er mit sich trug, ein kleines Mädchen. Darüber empörte sich dessen Mutter so sehr, dass sie zusammen mit Smith aus dem Bus stieg und ihn anschnauzte. «Sie hätten sagen können: ‹Entschuldigen Sie, bitte›», fuhr sie ihn an. Smith antwortete: «Scheisse, Sie liessen mir ja keine Zeit dafür.» 

Daraufhin wurde Smith von einem Passanten attackiert, weil dieser glaubte, Smith habe die Mutter beleidigt. Es gab eine Schlägerei. Eine dritte Person, der 57-jährige Hector Louis Felix, ging dazwischen und begann mit einem Messer auf Smith einzustechen. Wenig später war Smith tot – ermordet von einem Menschen, den er bis zu der blutigen Konfrontation am heiterhellen Nachmittag nicht kannte. 

Politiker und Polizei sind ratlos

Smith ist kein Einzelfall. Seit Jahresbeginn sind in der US-Hauptstadt 103 Menschen ermordet worden, was einer Zunahme von mehr als 40 Prozent gegenüber der Vergleichsperiode im Vorjahr entspricht und bei den Stadtverantwortlichen zunehmend für Beunruhigung sorgt. Denn eine eigentliche Erklärung für diese Welle der Gewalt in Washington und zahlreichen anderen amerikanischen Grossstädten gibt es nicht. Stattdessen spekulieren Polizisten und Politiker recht hilflos über das üble Gebräu, das im Sommer 2015 zu einer höheren Zahl von Tötungsdelikten und Schiessereien führt. 

Die Liste der möglichen Gründe, wenigstens in den Augen der Washingtoner Polizeichefin Cathy Lanier: synthetische Drogen, die ungleich stärker seien als gängige Betäubungsmittel; Wiederholungstäter, die sich nach langjährigen Gefängnisstrafen wieder auf freiem Fuss befinden; illegale Waffen und schliesslich wieder aufgeflammte Bandenkriege in Stadtvierteln, die sich in den vergangenen Jahren aus dem Sumpf von Armut und Gewalt befreit hatten.

Auffallend ist, dass sich zahlreiche Gewalttaten in «sicheren» Nachbarschaften ereignen. So wurde Smith an der H Street Northeast getötet, einem Ausgehviertel mit beliebten Restaurants und Bars. Bereits geht in Washington deshalb die Angst vor einer Rückkehr der düsteren 1980-er und 90er-Jahre um, als jährlich mehr als 450 Menschen ermordet wurden und Touristen einen weiten Bogen um die Hauptstadt machten.

Demoralisierte Polizei

Forscher weisen darauf hin, dass die Arbeit der Polizei spätestens seit dem Tod von Michael Brown in Ferguson (Missouri) von einer breiten Öffentlichkeit kritischer beäugt werde. Dieses Misstrauen habe zu einer Demoralisierung der Polizeikorps geführt.

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