Frankreich

Schüler greift jüdischen Lehrer an

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Die Kippa, traditionelle Kopfbedeckung jüdischer Männer.

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Nach den Attentat diskutieren die Juden, ob sie weiterhin die Kippa tragen sollen. Nun wurde ein jüdischer Lehrer angegriffen. Bestürzend: der Täter ist ein 15-jähriger Musterschüler mit türkisch-kurdischen Wurzeln.

Der jüdische Lehrer war zur Schule unterwegs, als er in seinem Rücken einen Schlag spürte. Offenbar von der stumpfen Seite einer 40 Zentimeter langen Machete getroffen, fiel er zu Boden und musste sich mit Händen und Füssen sowie seiner Thora gegen den Angreifer wehren.

Nur dem Eingreifen von Passanten hatte er es zu verdanken, dass er mit oberflächlichen Wunden davonkam. Der flüchtende Täter wurde Minuten später von der Polizei gefasst.

Der Vorfall ereignete sich nicht in Israel, sondern in der südfranzösischen Hafenstadt Marseille, wo viele Immigranten aus Nordafrika arabischer wie jüdischer Herkunft leben.

Bestürzung lösten zwei zusätzliche Umstände aus. Zum einen ist der Täter erst 15 Jahre alt. Er geht noch zur Schule, wo er übrigens sehr gute Noten hatte. Er ist türkisch-kurdischer Abstammung und scheint zudem nicht psychisch instabil zu sein, wie es bei mehreren Spontan-Angreifern der letzten Tage und Wochen in Frankreich der Fall war.

Auch noch «stolz» auf die Tat

Der Mittelschüler erklärte in der Untersuchungshaft, er sei «stolz» auf seine Tat und schäme sich nur, dass er den Lehrer nicht ganz getötet habe. Als Motiv nannte er Allah und die Terrormiliz IS. Er soll sich allein radikalisiert haben, ohne Beziehungen zu Dschihadkreisen zu pflegen.

Für die jüdische Gemeinde Frankreichs – mit rund einer halben Million die drittgrösste der Welt – ist der Anschlag der letzte Beweis, dass «die Bedrohung real wird», wie ein Pariser Vertreter der «Nordwestschweiz» sagte. Die Geiselnahme im jüdischen Supermarkt nach dem «Charlie Hebdo»-Anschlag vor Jahresfrist war keineswegs die einzige antisemitische Tat gewesen.

Am Dienstag wurde im Pariser Vorort ein jüdischer Gemeinderat in seiner Wohnung tot aufgefunden. Da Geld und Auto fehlten, geht die Polizei nicht von einem antisemitischen Motiv aus. 2014 war im gleichen Ort ein jüdisches Paar zu Hause überfallen worden, «weil Juden Geld haben», wie ein Täter später zu Protokoll gab.

Der Vorsteher des israelitischen Konsistoriums von Marseille, Zvi Ammar, löste jetzt eine heftige Debatte aus, als er vom Tragen der Kippa in Frankreich abriet, bis wieder «bessere Tage» einkehrten. Diese Aufforderung bereite ihm zwar Bauchschmerzen, erklärte Ammar, denn sie bedeute: «Wir müssen uns ein wenig verstecken.» Doch sei «das Leben heiliger als jedes andere Kriterium». Zahlreiche Stimmen verwahrten sich vehement gegen diesen Aufruf. «Wir dürfen nicht weichen, wir müssen die Kippa weiter tragen», meinte der Rabbi von Marseille, Haïm Korsia. Auch der Vorsteher des jüdischen Dachrates Crif, Roger Cukierman, wehrt sich gegen eine «defätistische Haltung des Verzichts».

Der französische Premierminister Manuel Valls sagte der jüdischen Gemeinschaft Solidarität und Schutz zu. Zur Kippa-Frage waren die offiziellen Reaktionen allerdings nicht einheitlich. Justizministerin Christiane Taubira meinte, jüdische Männer müssten «natürlich» ihre traditionelle Kopfbedeckung weiter tragen können. Regierungssprecher Stéphane Le Foll meinte hingegen, dazu habe sich der laizistische Staat nicht zu äussern.

Der angegriffene Lehrer verliess das Spital hinkend mit einer Baseballmütze, während seine Frau erklärte, er ermutige seine Gemeinschaft, es ihm gleichzutun. In den sozialen Medien bekannten viele Betroffene, sie würden lieber auswandern als auf die Kippa verzichten.

2015 waren in der Tat 7900 französische Juden nach Israel ausgewandert – mehr als je zuvor.

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