Interview

Schon 300 Tote bei Protesten: «Im Iran sind die moderaten Kräfte am Ende»

Iran-Kennerin Charlotte Wiedemann

Iran-Kennerin Charlotte Wiedemann

Iran-Kennerin Charlotte Wiedemann sagt, die Iraner seien wütend und doch nicht fähig zum Wandel. Bei den Protesten im November kamen laut Beobachtern über 300 Menschen ums Leben. 180 Protestführern droht die Todesstrafe.

Ab Mitte November protestierten die Menschen im Iran gegen eine Erhöhung der Benzinpreise und gegen die Rationierung von Kraftstoff. Die Sicherheitskräfte haben die Proteste gewaltsam niedergeschlagen. Wie die Menschenrechtsorganisation Amnesty International gestern mitteilte, sind dabei mehr als 300 Menschen ums Leben gekommen. Mehr als 1000 Menschen wurden festgenommen. 180 verhafteten «Rädelsführern» droht die Todesstrafe.

Welche Forderungen hatten die Protestierenden an die Regierung?

Charlotte Wiedemann: Die Proteste waren ein Ventil, um die generelle Frustration, die wirtschaftlichen Nöte und die politische Unzufriedenheit in einer grossen Gemengelage zum Ausdruck zu bringen. Daran beteiligt waren vor allem Arbeitslose, Geringverdiener und Menschen, die sich als «Abgehängte» betrachten.

Amnesty International spricht von 300 Toten. Sind diese Zahlen verlässlich?

Zu vielen Dingen, die im Iran passieren, haben wir keine wirklich verlässlichen Informationen. Auch wenn ich dazu tendiere, Menschenrechtsorganisationen Vertrauen zu schenken, ist es trotzdem so, dass wir uns in einem Propagandakrieg befinden. Beeinflussung, tatsächlich ermittelte Fakten über Iran und Fake News sind oft schwer auseinanderzuhalten.

Warum kann sich das iranische Regime noch immer an der Macht halten?

Trotz Sanktionen und Preissteigerungen haben viele Iraner noch immer die Sicherheit des eigenen Lebens zu verteidigen oder eben auch zu verlieren. Vor allem die Älteren können sich noch gut an den Verlauf der Revolution von 1979 erinnern. Seither sind Syrien und das Nachbarland Irak schwer destabilisiert worden und fast auseinandergefallen. Ich glaube, es besteht bei vielen Iranern eine nachvollziehbare Angst, ein derartiges blutiges Chaos könnte auch im Vielvölkerstaat Iran entstehen und auch ihr Land könnte am Ende zerfallen.

Wie ist die Lage heute, zwei Wochen nach der Niederschlagung der Proteste?

In Teilen der Gesellschaft ist wieder Normalität eingekehrt, vor allem in jenen Bevölkerungsschichten, die nicht aktiv an diesem Aufstand oder den Unruhen beteiligt waren.

In einem Essay für die Berliner «Tageszeitung» schreiben Sie, dass die Bevölkerung des Irans durch die eigene Diversität gehemmt wird. Was meinen Sie damit?

Aus hiesiger Sicht wird meist übersehen, wie sehr sich die iranische Gesellschaft in den letzten zwei Jahrzehnten verändert hat, wie vielfältig, aber auch wie auseinanderstrebend sie geworden ist. Die Mittelklasse präsentiert sich weltoffen und modern, darüber staunen westliche Touristen oft. Auf der anderen Seite gibt es aber auch die negativen Folgen von langer Isolation, von Misswirtschaft und ständigen Zwängen. Die Folge der Unterdrückung und der Sanktionen ist eine unbändige Wut, die bisher aber nicht in ein gemeinsames Gefäss gelenkt werden kann, aus dem einmal eine Alternative zum System der Islamischen Republik erwachsen könnte.

Auch die Iraner im Ausland sind nicht in der Lage, die Situation in ihrer Heimat entscheidend zu verbessern. Warum ist die Auslands­opposition so schwach?

Manche Vertreter der älteren Generation kennen die heutige iranische Gesellschaft mit all ihren Disparitäten gar nicht. Viele haben immer auf einen Umsturz gesetzt, ohne dass es dafür einen Widerhall im Land gab. Die jüngsten Proteste verstärkten das Wunschdenken, es käme zum Sturz des Systems. Im Land selbst besteht wenig Vertrauen in die Exil-Opposition.

In mehreren Videobotschaften haben sich Vertreter der amerikanischen Regierung «hinter das freiheitsliebende iranische Volk» gestellt. Wem nützt die US-Einmischung im Iran?

Aus Sicht der iranischen Bevölkerung ist die US-Politik vor allem zynisch. Schliesslich haben auch die US-Sanktionen wesentlich dazu beigetragen, dass es der Bevölkerung wirtschaftlich so schlecht geht. Es gibt ­viele herzzerreissende Fälle als Folge der Sanktionen, viel Leid und das Gefühl, erneut von der ganzen Welt verlassen worden zu sein. Es gibt sehr wenig im Iran, das einem gegenwärtig Hoffnung geben könnte.

Im Februar wird im Iran ein neues Parlament gewählt. Beobachter gehen davon aus, dass die Moderaten um Staatspräsident Hassan Rohani die Wahl verlieren. Was kommt danach?

Rohani hatte darauf gesetzt, dass es als Folge des Nuklearabkommens und eines Dialogs mit dem Westen zu einer markanten Verbesserung der wirtschaftlichen Lage kommt. Das ist gescheitert, nachdem die USA den Atomvertrag gebrochen haben und Europa nichts Ausgleichendes eingefallen ist. Die moderaten Kräfte der ­Islamischen Republik sind deshalb politisch am Ende. Es ist nicht ausgeschlossen, dass im Iran bald eine Art Militärregierung die Macht übernimmt. Schon jetzt orientiert sich Iran strategisch vermehrt nach ­Osten, zu Russland, China und Indien.

Eine Hardliner-Regierung wäre wohl auch in der Atomfrage kompromisslos.

Der Bruch des Abkommens ging von den USA aus. Iran vollzieht jetzt in kleinen Schritten, was die USA mit einem einzigen grossen Schritt getan hatten. Ich teile die Befürchtung nicht, dass der Iran jetzt zu einer völligen Konfrontationspolitik zurückkehren wird. Aber die Zeichen stehen gewiss auf Verhärtung. Das ist tragisch für die iranische Bevölkerung.

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