Der neue Bericht komme «zu einem sehr düsteren Zeitpunkt in diesem Konflikt», sagte Paulo Pinheiro, Vorsteher des Untersuchungsausschusses für Syrien, gestern in Genf, wo er den neuen Bericht zur Lage im kriegsgeplanten Land präsentierte.

Über 500 Interviews haben Pinheiro und sein Team mit Direktbetroffenen geführt, um die Lage in Syrien nachzuzeichnen. Sie kommen zum Schluss, dass die Gewalt in jüngster Zeit erneut eskaliert sei – und dass sich das syrische Regime nicht an das Verbot chemischer Waffen gehalten habe.

Erst am Montagabend haben 30 Zivilisten in der Region Ost-Ghouta über Atembeschwerden geklagt, die von Chlorgasangriffen ausgelöst worden sein sollen. Eine unabhängige Überprüfung der neuesten Horrormeldungen aus der umkämpften Region ist schwierig.

Vorschlag aus Schweden

Von allen Seiten bestätigt wurden dagegen bedeutende Geländegewinne der Regimetruppen des syrischen Machthabers Baschar al-Assad. Sie konnten in der letzten Woche fast 40 Prozent der verbliebenen Rebellengebiete erobern. Darunter sind auch fast alle landwirtschaftlich genutzten Flächen, welche das eigenständige Überleben der Region bislang überhaupt möglich machten.

In einem auf der Homepage der renommierten New Yorker Century Foundation veröffentlichten Beitrag rief der schwedische Journalist und Assad-Kritiker Aron Lund die Rebellen in Ost-Ghouta zu einer «gesichtswahrenden Kapitulation» auf.

Um die Zivilisten in der Region zu retten, sollten sich die internationalen Unterstützer der Rebellen endlich damit abfinden, dass der Kampf um die letzte Widerstandsbastion vor den Toren der syrischen Hauptstadt Damaskus nicht mehr gewonnen werden könne und daher nicht unnötig verlängert werden dürfe.

Niemals werde das Assad-Regime eine bewaffnete Präsenz der regierungsfeindlichen Rebellen vor den Toren von Damaskus akzeptieren, betont Lund, der eine Kapitulation der Aufständischen «im Einklang mit dem internationalen Recht» vorschlägt.

Die Vorschläge des Schweden, der seit Beginn des Volksaufstandes in Syrien den Widerstand unterstützt, lösten aufseiten der Opposition einen Sturm der Entrüstung aus.

Sicherer Korridor für Rebellen

Nüchtern betrachtet hat Lund nichts anderes getan, als Wahrheiten, die für die syrische Opposition zweifellos bitter sind, offen anzusprechen. Wie im Herbst 2016 in Aleppo, so der schwedische Journalist, würde die Opposition vermutlich eher früher als später auch ihre Hochburgen in der Region Ost-Ghouta verlieren.

Durch eine zeitnahe Kapitulation, glaubt Lund, könnten jedoch Verwüstungen wie in Aleppo und damit noch mehr Leid unter den bis zu 390 000 eingeschlossenen Zivilisten in der Region vermieden werden.

Die Vorbereitungen dafür haben offenbar schon begonnen. Das russische Verteidigungsministerium bot den Rebellen und ihren Familien gestern einen «sicheren Abzug» an. Allen Rebellen, die jetzt aufgäben, garantiere Russland Immunität vor Strafverfolgung. Wie in Aleppo könnten die mit ihren Familien abziehenden Kämpfer auch ihre Waffen mitnehmen.