Die Befragung von Carola Rackete durch die Untersuchungsrichterin von Agrigento hat über zwei Stunden gedauert; nach Abschluss des Verhörs kündigte die Richterin ihren Entscheid für Dienstag an. Der stellvertretende Staatsanwalt von Agrigento, Salvatore Vella, beantragt für die 31-jährige deutsche Kapitänin der «Sea Watch 3» die Bestätigung der Verhaftung vom vergangenen Samstag. Gleichzeitig fordert er aber für die Kapitänin eine Umwandlung des derzeitigen Hausarrests in ein blosses Aufenthaltsverbot in der Provinz Agrigento, zu der Lampedusa administrativ gehört. Dies bedeutet, dass Rackete am Dienstag auf freien Fuss kommen könnte. Für den Fall einer Freilassung hat Italiens Innenminister Matteo Salvini die umgehende Abschiebung der Kapitänin nach Deutschland angekündigt.

Der Staatsanwalt hält an seiner Anklage gegen die Kommandantin der «Sea Watch 3» fest: Gegen Rackete wird weiterhin wegen Widerstand und Gewaltanwendung gegen ein Kriegsschiff sowie Begünstigung der illegalen Immigration ermittelt. Im Fall einer Verurteilung droht ihr eine langjährige Gefängnisstrafe, die sie aber voraussichtlich in Deutschland absitzen könnte. Der deutsche Aussenminister Heiko Maas forderte am Montag auf seiner Facebook-Seite die Freilassung Racketes: «Aus unserer Sicht kann am Ende eines rechtsstaatlichen Verfahrens nur die Freilassung von Carola Rackete stehen. Das werde ich Italien noch mal deutlich machen», schrieb Maas. Gleichzeitig betonte er, dass auf europäischer Ebene «das Geschacher um die Verteilung der Geflüchteten» unwürdig sei und ein Ende haben müsse.

Das unerlaubte Eindringen in den Hafen von Lampedusa und das ris- kante Anlegemanöver der «Sea Watch 3»- Kommandantin sowie ihre anschliessende Verhaftung durch die italienischen Behörden hatten bereits am Sonntag zu einem Schlagabtausch zwischen Rom und Berlin geführt. Der deutsche Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier erklärte im ZDF, wer Menschenleben rette, könne nicht Verbrecher sein. Rackete habe vielleicht eine Ordnungswidrigkeit begangen oder einen Straftatbestand erfüllt, aber von einem grossen Land wie Italien, einem Gründungsmitglied der EU, müsse erwartet werden können, «dass es mit einem solchen Fall anders umgeht», betonte Steinmeier. Heiko Mass wiederum erklärte, Seenotrettung dürfe nicht kriminalisiert werden.

Böhmermann sammelt Spenden

Die deutschen Belehrungen kamen in Italien nicht gut an. Steinmeier «soll sich um das kümmern, was in Deutschland geschieht, und, falls zumutbar, seine Mitbürger dazu einladen, nicht mit italienischen Gesetzen in Konflikt zu kommen und dabei zu riskieren, italienische Sicherheitskräfte zu töten», betonte Innenminister Salvini auf Twitter. Der Chef der rechtsnationalen Lega hat das Landemanöver der deutschen Kapitänin als «kriegerischen Akt» bezeichnet. Carola Rackete wiederum beruft sich auf eine Notsituation auf dem Schiff: Die 40 Migranten, die sich in der Nacht auf Samstag noch an Bord der «Sea Watch 3» befanden, seien verzweifelt gewesen und es hätten Selbsttötungen gedroht. Sie versicherte, dass sie das Boot der Guardia di Finanza nicht habe rammen wollen, und hat sich für das missratene Manöver mehrfach entschuldigt.

Eine Spendenaktion, die von Moderator Jan Böhmermann (38) und seinem Kollegen Klaas Heufer-Umlauf (35) ins Leben gerufen wurde, hat bereits über eine Million Euro eingebracht. «Sea Watch»-Sprecher Ruben Neugebauer tönte an, dass das gesammelte Geld – nach der Begleichung der Gerichtskosten und der Busse für Carola Rackete – auch für ein neues Schiff verwendet werde, falls die «Sea Watch 3» beschlagnahmt bleibe. Es hätten sich auch mehrere Kapitäne gemeldet, die an künftigen Missionen teilnehmen wollten. Die Gemüter werden sich also vermutlich weiterhin nicht so schnell beruhigen. Für Rackete wird auch in Italien Geld gesammelt: Bis Montag sind laut italienischen Medienberichten schon über 400'000 Euro für die «Capitana» zusammengekommen. Die Mehrheit der Italiener sieht die Handlungsweise Racketes indessen kritisch.