Retter im Mittelmeer

Schiffskapitän und Flüchtlingsretter: «Polizei wollte mit uns Gelati essen»

«Als Kapitän geniesst man grosses Vertrauen»:   Stefan Schmidt, Kapitän a. D., zu Hause in Lübeck.

«Als Kapitän geniesst man grosses Vertrauen»: Stefan Schmidt, Kapitän a. D., zu Hause in Lübeck.

Der heute 73-jährige Kapitän Stefan Schmidt rettete im Jahr 2004 37 sudanesische Bootsflüchtlinge auf dem Mittelmeer. Dafür sollte der Norddeutsche Stefan Schmidt in Italien ins Gefängnis.

Dieser Tage ist Stefan Schmidt ein besonders gefragter Mann. Der Norddeutsche, der bereits im Jahr 2004 als Flüchtlingsretter auf dem Mittelmeer von sich reden machte, eilt von Fernsehstudio zu Fernsehstudio, um über die Flüchtlingskatastrophen zu sprechen. Abends kehrt er erschöpft nach Lübeck an der Ostsee zurück. Trotzdem nimmt sich der 73-Jährige Zeit für ein Telefongespräch mit der «Nordwestschweiz».

Herr Kapitän, Sie mussten vor mehr als zehn Jahren beinahe ins Gefängnis. Sind Sie der Schlepper, als den man Sie bezeichnete?

Stefan Schmidt: Nein, natürlich nicht. Ich und die Mitangeklagten hatten Flüchtlinge vor dem Ertrinken gerettet.

In der Anklage stand aber: bandenmässige Beihilfe zur illegalen Einreise.

Die Vorwürfe waren ungefähr so absurd wie die Umstände unserer Verhaftung. Als sie uns ins Gefängnis fahren sollten, schlugen die italienischen Polizisten einen Stopp in einer Eisdiele vor. Sie wollten mit uns Gelati essen.

Nun will die EU den wahren Schleusern das Handwerk legen. Werden so Flüchtlinge an der gefährlichen Überfahrt gehindert?

Unsinn, denn die Leute, die übers Mittelmeer kommen, sind verzweifelte Menschen. Ihre letzte Hoffnung sind die Schlepper, die bei uns früher übrigens Fluchthelfer hiessen. Sie sind die Einzigen, die ihnen helfen, aus der Misere zu entkommen. Ohne Schlepper sterben die Leute einfach schon in Nordafrika.

Es ist doch legitim, die Schlepper zu bekämpfen. Banden überlassen Flüchtlinge ihrem Schicksal und bereichern sich so schamlos.

Klar treiben die Schlepper ihr Unwesen. Aber Europa trägt eine Schuld daran, wenn es die Rettung von Flüchtlingen Verbrechern überlässt.

Was ist zu tun?

Man muss die Menschen zuerst retten und erst danach fragen, ob der Gerettete Asyl bekommen soll und wohin er allenfalls gebracht wird.

Wären Asylverfahrenszentren in Afrika, in welchen über eine Aufnahme oder eine Abweisung entschieden würde, die Lösung?

Mal abgesehen von der Machbarkeit in den unstabilen Ländern Nordafrikas: Sie glauben doch nicht im Ernst, dass ein Flüchtling sich von einem negativen Asylentscheid davon abschrecken liesse, nicht doch noch den Weg übers Mittelmeer nach Europa zu versuchen.

Heute sind Sie offiziell Flüchtlingsbeauftragter in Schleswig-Holstein. Mal ehrlich: Wie akut ist die Flüchtlingsproblematik im hohen Norden Deutschlands?

Auch wir bekommen unseren Anteil an Flüchtlingen zugeteilt. Dieses Jahr werden es um die 15 000 Flüchtlinge sein. Der Flüchtlingsbeauftragte ist das Lobbybüro für Flüchtlinge bei der Politik, muss aber gleichzeitig bei der Bevölkerung um Verständnis für Flüchtlinge sorgen. Ich selber war, als ich drei Jahre alt war, Flüchtling. Damals, während des Zweiten Weltkriegs, mussten meine Eltern mit mir aus dem damaligen Stettin fliehen, das heute in Polen liegt. In Schleswig-Holstein lag der Flüchtlingsanteil damals bei 40 Prozent, die allermeisten von ihnen waren Deutsche. Trotzdem war der Flüchtlingsbegriff ein Schimpfwort. Ich kämpfe dagegen an, dass es wieder so weit kommt. Denn wer flüchtet, ist nicht kriminell.

In der EU gibt es keinen Verteilschlüssel für Flüchtlinge. Hat die EU ein Solidaritätsproblem?

Ein riesiges: Die Dublin-Verträge haben die Solidarität komplett ausgehebelt. Deutschland ist wie die Schweiz von sicheren Drittländern umgeben. Dublin bedeutet aber nichts anderes, als dass ein Flüchtling bei uns eigentlich nur um Asyl bitten kann, wenn er aus einem Flugzeug abspringt.

Sie sind Kapitän und haben im Meer Flüchtlinge gerettet. Zieht es Sie persönlich wieder dorthin?

Nein, ich bin ja auch schon 73 Jahre alt und habe als Flüchtlingsbeauftragter eine viel zu wichtige Aufgabe.

Vertrauen Ihnen die Menschen, wenn Sie ihnen die Ängste vor Flüchtlingen abbauen versuchen?

Darin liegt gerade der Vorteil: Als Kapitän geniesst man offenbar einen grossen Vertrauensvorschuss.

Fahren Sie denn selber überhaupt noch zur See?

Ja, im Rahmen meiner beiden Bildungsaufträge an den nautischen Schulen Hamburg und Lübeck. Ich fahre mit Schülern auf kleinen Rettungsbooten zur See und zeige ihnen, wie man Menschen rettet.

Und privat?

Ich besass gar nie ein eigenes Schiff.

Andere treten in Ihre Fussstapfen. Private, wie Ihr Landsmann Harald Höppner, wollen im Mittelmeer Flüchtlinge retten.

Ist das nicht naiv?

Das ist vor allem ein sehr starkes Signal. Herr Höppner sagt ja selber, dass er gar nicht selber retten, sondern auf das Problem aufmerksam machen will. Sieht er Flüchtlinge, so alarmiert er die Retter auf dem Mittelmeer. Natürlich liegt diesem Handeln eine etwas naive Vorstellung zugrunde. Ich bewundere diese Art von Naivität aber. Denn wenn niemand etwas unternimmt, dann muss man auch mal einfach selber etwas tun.

Welche Tipps geben Sie Höppner mit auf die Reise?

Grösste Vorsicht walten zu lassen und sich ja nicht zu nahe an die libysche Küste zu begeben. Er muss immer über Verbindung via Satellitentelefon zur Aussenwelt bleiben, damit er melden kann, wenn etwas passiert.

Muss er auch auf der Hut vor den Flüchtlingen sein?

Eigentlich nicht. Es sei denn, seine «Seawatch» hält sich nicht von den Flüchtlingsbooten fern. Denn das Schiff ist nicht besonders gross. Stellen Sie sich vor, in Panik geratene Menschen, die sich bereits im Wasser befinden, klammern sich am Schiff fest. Auch Höppners Boot kann kippen und sinken.

Wie kamen Sie eigentlich dazu, Kapitän des Hilfsschiffs «Cap Anamur» zu werden?

Ich war damals Honorarkonsul des drittkleinsten Landes der Welt, von Tuvalu. Ich wurde zu dieser Zeit von Elias Bierdel, dem damaligen Chef der Hilfsorganisation Cap Anamur angefragt, was für Tuvalu zu machen sei, das ja besonders stark von der Klimaerwärmung betroffen ist. Bei einem Treffen hat er mir sein Projekt vorgestellt und gesagt, er wolle ein Hilfsschiff kaufen. Ich sagte Bierdel meine Hilfe zu. Wir haben dann ein Schiff gekauft und es unter meiner Leitung zum kompletten Hilfsschiff inklusive Krankenstation umgebaut.

Sie waren zuvor ein unpolitischer Mensch, sagten Sie einmal. Was hat Sie politisiert?

Das war erst später, als wir in Italien vor Gericht standen, weil wir Menschen gerettet hatten. Das hat mich politisiert. Man wird eingesperrt, weil man Menschen gerettet hat – wenn man in einer solchen Konstellation nicht politisch wird, dann wird man es nie mehr.

Und wie kam es zu der berühmten Rettungsaktion?

Das war reiner Zufall. Unser Einsatzgebiet lag entlang der westafrikanischen Küste. Auf unserer Rückkehr hatten wir aber noch Hilfsgüter für ein irakisches Spital an Bord, die wir via Suez-Kanal in die Golfregion bringen wollten. Probleme mit der Maschine zwangen uns jedoch in Malta in die Werft. Nachdem wir den Hafen wieder verlassen hatten, kreuzten wir mitten auf hoher See den Weg eines Flüchtlingsboots. Das Schlauchboot hatte bereits Luft verloren und schon von Weitem war der qualmende Motor zu sehen.

Was taten Sie darauf hin?

Das, was jeder Kapitän gemäss Seerecht machen muss: Die Menschen in einen sicheren Hafen bringen.

Welche Bedingungen herrschten an dem Tag?

Gute. Wir sahen das Gummiboot von Weitem und die Menschen fingen mit einem roten Kleidungsstück zu winken an. Wir fuhren ganz langsam heran. Dann liessen wir einen der Männer an Bord unseres Schiffs kommen. Dieser sprach auch sehr gut Englisch und erklärte uns, sie seien alle aus dem Sudan und wollten nach Lampedusa.

Waren auch Schlepper darunter?

Kaum. Die hatten die Flüchtlinge alleine aufs Meer geschickt.

Wie nahmen Sie die Flüchtlinge an Bord?

Unser Schiff war nicht riesig, nur 100 Meter lang. Wir haben eine Bootsleine hinübergeworfen und das Boot an unsere Bordwand herangezogen. Danach haben wir die Lotsenleitern, eine Art Strickleiter, heruntergelassen, und die Männer kletterten einer nach dem andern hoch.

In welcher Verfassung waren die Flüchtlinge?

Sie waren völlig erschöpft, waren ja auch schon mehrere Tage auf hoher See. Manche konnten kaum noch gehen und wir mussten sie stützen. Der Koch kochte Tee für sie. Wir haben sie auf Zwischendeck gebracht und liessen sie erste einmal schlafen. Erst am nächsten Tag hat die Krankenschwester, die mit an Bord war, die Menschen näher untersucht und auch befragt.

Danach entschieden Sie sich, den Hafen von Agrigent auf Sizilien anzulaufen. Wie kam es dazu?

Der nächstliegende Hafen wäre Lampedusa gewesen. Doch unser Schiff war zu gross, um dort einzulaufen. Die Regel lautet so: Entweder man bringt gerettete Leute in den nächsten Hafen oder man bringt sie in den Hafen des Landes, das am dichtesten dran ist. Es war also Italien, weil Lampedusa zu Italien gehört. Wir waren in engem Kontakt mit der Organisation Médecin Sans Frontières, und diese riet uns, Agrigent anzulaufen.

Doch dort folgte der Schock. Die Behörde wollte Ihr Schiff gar nicht erst einlaufen lassen.

Zuerst sagten sie, dass wir kommen können. Der Lotse stehe bereit für uns. Doch als wir uns dem Hafen näherten, hiess es plötzlich, wir dürften italienische Gewässer gar nicht befahren.

Worauf Sie was taten?

Vorerst kehrten wir für elf Tage in internationale Gewässer zurück und fuhren auf hoher See hin und her. Am elften Tag warnte ich die Behörden vor einer sich verschlimmernden Situation an Bord. Daraufhin mussten wir vor dem Hafen vor Anker gehen. Am nächsten Morgen kam der Lotse und brachte uns an Land.

Es folgte nur der nächste Schock.

Die Flüchtlinge wurden abgeholt, aber nicht in Aufnahmelager gefahren, sondern in ein Abschiebelager. Elias Bierdel, der erste Offizier und ich, wurden freundlich zu einer Tasse Kaffee auf der Polizeiwache gebeten, verhört und schliesslich verhaftet.

Später kam es zum Prozess, 2009 wurden Sie freigesprochen. Eine Genugtuung?

Nur beschränkt: Wir waren natürlich erleichtert, dass wir nicht ins Gefängnis mussten. Aber der Zweck der Anklage lag ja nicht darin, uns einzusperren, sondern der Handelsschifffahrt Angst einzujagen und zwar so: Wer Menschen im Mittelmeer rettet, wird eingesperrt.

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