Taifun

«Schickt uns Hilfe!»: Philippinen, vier Tage nach dem Taifun

Über vier Millionen Menschen brauchen Hilfe: Cargomaschinen der Luftwaffe starten und landen pausenlos in Tacloban. Fotos: KEYSTONE

Über vier Millionen Menschen brauchen Hilfe: Cargomaschinen der Luftwaffe starten und landen pausenlos in Tacloban. Fotos: KEYSTONE

Die Philippinischen Behörden rechnen nach dem Taifun Haiyan mit über 20000 Toten. Die Regierung hat den Notstand ausgerufen. Die Angst vor Seuchen breitet sich aus.

Nur schleppend erreicht Hilfe das Epizentrum des Katastrophengebietes auf den Zentralphilippinen, wo Supertaifun Haiyan die schlimmste Naturkatastrophe in der Geschichte des Landes angerichtet hat.

Zehntausende sind den Elementen ausgesetzt und suchen nach Wasser, Essen, Schutz für eine Nacht.

«Wir haben nichts, hier kommt nichts an», sagt Gilda Mainao aus der fast komplett zerstörten Stadt Tacloban im Radio.

«Bitte, bitte schickt uns Hilfe!» Die Regierung appelliert an die Bevölkerung, sich in Geduld zu üben. Wasserfilter und Hilfsgüter seien auf dem Weg, so das Rote Kreuz.

Inzwischen wurden wenigstens die Leichen von Bäumen genommen, die sich mit der Sturmflut in Ästen verfangen hatten.

Särge sind Mangelware und niemand sammelt die Toten ein, die aufgereiht entlang Strassen liegen, behelfsmässig mit einer Decke oder Plastikplane bedeckt.

Blut färbt das Strassenpflaster. Von Rettungskräften ist vielerorts keine Spur zu sehen. Wer Glück hat, erhält am Flughafen ein Notpaket.

Es mangelt an allem: an Trinkwasser, Essen, Medizin, Leichensäcken, Maschinen, um die Trümmermassen wegzuräumen.

In Tacloban herrschen Chaos und Anarchie. Die Regierung rief den Notstand mit nächtlicher Sperrstunde aus. Nichts ist vor Plünderern sicher.

Die Regierung konnte seit dem Sturm keine Beamten und Sicherheitskräfte aufbieten, um die Hilfsbemühungen zu koordinieren.

Alle sind von «Haiyan» betroffen und kümmern sich um ihre Angehörigen.

Hatte der Polizeichef der am stärksten zerstörten Inselprovinz Leyte am Sonntag noch von 10 000 Opfern gesprochen, rechnete Provinzgouverneur Leopoldo Petilla gestern bereits mit 20 000 bis 30 000 Toten.

Bewegende Schicksale

Derweil werden bewegende Schicksale bekannt. Lehrerin Bernadette Tenegra (44) hatte sich an die Hand ihrer Tochter geklammert, die von Wassermassen herumgewirbelt und von Holztrümmern durchbohrt wurde. «Mama, lass mich los, rette dich selbst!», rief ihr die Tochter noch zu. Dann verliessen die Mutter die Kräfte.

Mit «Haiyan» starb auch die Hoffnung, dass es in einem Land, das jedes Jahr schwere Taifunschäden leidet, immer ein Morgen geben wird.

Während das Hinterland vorab mit schweren Gebäudeschäden und dem Schrecken davonkam, gleicht die zentralphilippinische Küste einem gewaltigen Katastrophengebiet.

Bilder von tief ins Landesinnere geschwemmten grossen Schiffen erinnern an die Tsunami-Unglücke 2004 im südlichen Asien und 2011 in Japan.

Nicht allein Sturmböen mit bis zu 315 Stundenkilometern sorgten für die grössten Zerstörungen. Plötzlich war eine Sturmflut über den Küstenstreifen hereingebrochen. Viele Opfer ertranken.

CNN-Reporter Andrew Stevens befand sich in Tacloban im Auge des Sturms. «Der Taifun donnerte wie ein Zug», erinnerte sich Stevens.

«Trümmer flogen durch die Luft, und plötzlich schwoll das Wasser an.» Sein Team rettete eine Familie aus einem überfluteten Hotelzimmer.

Die zu 80 Prozent zerstörte Stadt mit ihren über 200 000 Bewohnern ist operatives und logistisches Zentrum der Hilfsbemühungen. Cargomaschinen der Luftwaffe starten und landen pausenlos.

Das Flughafenterminal ist grösstenteils zerstört – Passagiermaschinen erhalten momentan keine Landerechte.

«Der Flughafen stand bis zum Dach unter Wasser», so der philippinische Innenminister Mar Roxas. An Bord von C-130-Transportern treffen aus dem ganzen Land gespendete Hilfsgüter ein.

Beim Abflug, mit den Zielen Manila oder Cebu, sind Flüchtlinge an Bord, die alles verloren haben.

«Haiyan» zerstörte Hab und Gut von nahezu einer halben Million Menschen – laut Regierung brauchen 4,3 Millionen Menschen dringend Hilfe.

Abgeschnittene Küstenorte

Noch viel schwieriger als Tacloban zu erreichen, gestaltet sich die Hilfe für die zahllosen Insel- und Küstenorte, die weiterhin von der Aussenwelt abgeschnitten sind.

Brücken, Häfen, Fähren, alles wurde zerstört, Strassen sind unterbrochen. Der Horror-Taifun hatte leichtes Spiel mit der maroden Infrastruktur in diesem von Korruption und Inkompetenz geplagten Land.

Mangels Transportmitteln versuchen Hilfskräfte auch auf dem Seeweg in Katastrophengebiete zu gelangen, doch das dauert, und oft sind stundenlange Fussmärsche der einzige Weg.

Grosse Verzweiflung herrscht auch unter den Millionen philippinischen Gastarbeitern in Hongkong, Singapur und im Nahen Osten.

Zehn Prozent der philippinischen Bevölkerung arbeiten im Ausland, um die Familien in der Heimat zu ernähren.

Mit dem Stromnetz sind auch das Telefonnetz und Internet zusammengebrochen. Niemand weiss, wer noch lebt.

Inzwischen haben vorab westliche Nationen den Philippinen Geld und Katastrophenhilfe versprochen. Die asiatischen Nachbarn indes schweigen, allen voran China.

Dabei hatte China viel Glück: Der Wirbelsturm zog an der Insel Hainan vorbei, schlug einen Bogen um Hanoi und verlor über China an Kraft, ohne Schäden anzurichten. Nicht so in Vietnam: Hier forderte «Haiyan» sechs Todesopfer.

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