Es gibt berechtigte Zweifel, ob internationale Sanktionen gegen Russland greifen würden. Denn auch wenn die russische Wirtschaft stärker mit dem Westen verflochten ist - auf das Land entfällt 2,8 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung, 4,7 Prozent des grenzüberschreitenden Warenhandels (vor allem Rohöl, Erdgas und Metalle) sowie 13 Prozent der weltweiten Rohölförderung.

Sanktionen wurden bisher vor allem gegen weitaus kleinere Länder wie Iran, Irak, Libyen und Nordkorea beschlossen. Die haben auch weniger Ressourcen als Russland.

Wenige Abhängigkeiten

Der Aussenhanel von Russland ist diversifiziert: Von den Exporten gehen 13 Prozent in die Niederlande. Hierunter fallen Rohöl und weitere Bodenschätze. Je 7 Prozent des Aussenhandels entfallen gemäss den Analysten der Bank Morgan Stanley auf Italien, Deutschland und China. Die USA ist für Russland als Exportdestination unwesentlich- lediglich 2 Prozent der Exporte gehen in das Land der unbegrenzten Möglichkeiten.

Auch die Importe sind breit gestreut. Wichtigster Importeuer ist China mit einem Anteil von 17 Prozent der gesamten Importe, gefolgt von Deutschland (Maschinen, Autos) und den USA (Nahrungsmittel, Computer). Italien stellt ebenfalls 5 Prozent, Frankreich 4 Prozent (vor allem Luxusgüter).

Für die Rohstoffe, die Russland exportiert, ist es auf dem Weltmarkt einfach, Ersatzkäufer zu finden. Fertigprodukte lassen sich leicht über Drittländer importieren, wie das Beispiel Iran zeigt. Das Land steht seit drei Jahrzehnten auf den einschlägigen Embargo-Listen.

Am Ufer des Creek in Dubai stapeln sich die ganzen Güter, die jeweils von kleinen Schiffen nachts über den Arabischen Golf transportiert werden. Ähnliche Schlupflöcher hat Russland im Schwarzen Meer und selbst die Ostsee liesse sich nicht restlos kontrollieren.

Offshore-Finanzdrehscheiben

Investitionen in Russland wurden vorwiegend über Offshore-Zentren vorgenommen. Meistens haben russische Investoren über diesen Umweg ihre eigenen Gelder wieder steuergünstig in Russland angelegt, um Steuern im Heimatland zu umgehen.

Auf Zypern entfällt knapp ein Drittel dieses Volumens, Die Niederlande, bei Unternehmen ebenfalls ein Steuerparadies, sind mit einem Anteil von 12 Prozent das zweitwichtigste Offshore-Zentrum. Hier spielt auch die Rolle des Landes als Rohstoff-Umladestation für die Tankerflotten und Erzfrachter eine wichtige Rolle. Die weiteren nennenswerten Offshore-Zentren sind laut einer Übersicht der Russischen Zentralbank die Britischen Jungferninseln, die Bermudas, die Bahamas und Luxemburg. Deutschland spielt mit einem Anteil von 4 Prozent eine untergeordnete Rolle, die Schweiz wird in der Statistik gar nicht erwähnt.

Unser Land kommt lediglich als Destination für russisches Vermögen ins Spiel. Dieses liegt entweder auf Bankkonten in Zürich, an Südhängen in St. Moritz oder in den Aktienbeständen von Beteiligungsgesellschaften wie der Renova, über die der russische Investor Viktor Vekselberg seine Anteile an Sulzer, OC Oerlikon und Schmolz + Bickenbach hält. Allerdings ist die Schweiz mit einem Anteil von 3 Prozent ein „kleiner Fisch", etwa gleich bedeutend wie die USA. Viel wichtiger sind Zypern mit einem Anteil von 37 Prozent, die Niederlande mit einem Anteil von 16 Prozent oder die Britischen Jungferninseln.

Kaum einzufangen

Diese Offshore-Zentren würden bei Sanktionen teilweise mitmachen, glauben Analysten. Aber zwischen offiziellen Erklärungen und tatsächlicher Praxis klafft oft eine grosse Lücke, und die ist umso grösser, je weiter weg und je weniger mächtig die jeweils für die Umsetzung Verantwortlichen sind. Russland hat mit der Gasversorgung einen Trumpf, den es diskret ausspielen kann. Je näher die Abnehmer an Russland liegen, desto höher ist die Abhängigkeit. Bulgarien, Finnland oder Weissrussland hängen zu 100 Prozent von den Lieferungen aus Russland ab, Deutschland noch zur Hälfte, die Schweiz zu 10 Prozent und Belgien ist ganz unabhängig.

Sanktionen bei Öl und Gas gelten denn auch als unwahrscheinlich, denn damit würden einige EU- und OECD-Länder der eigenen Bevölkerung mehr Schwierigkeiten bereiten als anderen. Ersatz aus den USA ist vorläufig nicht in Sicht: Der erste Verschiffungsterminal an der US-Golfküste wird seinen Betrieb frühestens in 18 Monaten aufnehmen und für Ersatzlieferungen aus Katar stehen die Entladestationen im östlichen Europa nicht bereit. Zudem lässt sich der Gasfluss in den Pipelines nicht innert wenigen Tagen ändern.

Der grösste Hebel hätte laut Analysten eine enge Liste von Gütern, die Russland nicht herstellt, die sich nicht so ohne weiteres über Drittländer beschaffen lassen und für die es auf dem Weltmarkt kaum Ersatz gibt: Das sind Elektronikprodukte, Technologie und Pharma-Produkte sowie die hoch gezüchteten moderne Ausrüstung für die Erschliessung und Weiterverarbeitung von Bodenschätzen, beispielsweise die Anlagen für die Verflüssigung von Erdgas.