25 Jahre nach dem Ende der Sowjetunion: Wo stehen wir?

Thomas de Waal: Vergessen wir nicht, wie unterschiedlich die Länder jetzt im Vergleich dazu sind, wo sie vor 25 Jahren standen. Die meisten der 15 neuen Nationen, die sich aus den Ruinen der UdSSR bildeten, sind in die Weltgemeinschaft integriert. Es sind funktionierende Staaten mit einer neuen, professionellen Elite. Die drei baltischen Länder sind wieder vollständige europäische Staaten. Es gibt aber natürlich auch grosse Enttäuschungen für fast alle Bürger in den übrigen 12 Ländern, die sich so viel erhofften.

Zerfall der Sowjetunion: In dieser Reihenfolge erklärten die Staaten ihre Unabhängigkeit

Zerfall der Sowjetunion: In dieser Reihenfolge erklärten die Staaten ihre Unabhängigkeit

Länder wie die Ukraine, Georgien und Kirgistan erlebten in den letzten Jahren Bürgerrevolutionen, andere wie Aserbaidschan und Russland nicht. Wie erklären Sie sich das?

Ich denke, es ist ein Fehler, gewisse ehemalige Sowjetrepubliken als passiver als andere einzuschätzen. Natürlich erlauben die demokratischeren Länder mehr öffentliche Opposition – wie es in Georgien, der Ukraine und Kirgistan der Fall war. Klar gibt es seit 25 Jahren keine öffentliche Politik in Usbekistan und Turkmenistan. Aber das heisst nicht, dass es nicht noch so weit kommen könnte. Aserbaidschan erlebte 2016 Proteste auf der Strasse. Und wir wissen aus der Periode zwischen 1989 und 1993, dass Russland fähig ist zu Massendemonstrationen, Streiks und starken Bewegungen gegen die Regierung. Das wird in Russland sicher wieder passieren. Die Frage ist nur, wann und ob diese Konfrontation friedlich oder gewaltsam sein wird.

Moldawien und Georgien erlebten einen grossen proeuropäischen Optimismus, nun gibt es Tendenzen, sich wieder nach Moskau auszurichten. Was hat Europa falsch gemacht?

Ich sehe das nicht so. Moldawien und Georgien verfügen über Regierungen, die sich Europa verpflichtet fühlen. Beide Länder haben Visaliberalisierungsabkommen mit der EU und unterzeichneten Assoziierungsabkommen, welche Freihandel ermöglichen. Die Frage der Rückbesinnung auf Moskau stellt sich nicht, auch nicht, nachdem Moldawien einen eher prorussischen Präsidenten gewählt hat. Der moldawische Präsident verfügt über eine limitierte verfassungsmässige Macht, und die Regierung führt den eher proeuropäischen Kurs weiter. Dennoch müssen wir festhalten, dass die Bevölkerungen in Moldawien, Georgien und der Ukraine weniger enthusiastisch Richtung Europa blicken und dies spiegelt sich in der Haltung ihrer Regierungen wider.

Putin versucht, Russland zu alter Stärke zu führen und ehemalige Sowjetrepubliken unter russischen Einfluss zu bringen. Was ist das grosse Ziel dahinter?

Es ist schwierig, Putin als grossen Visionär oder Denker zu verstehen. Alles in allem ist er ein ehemaliger Geheimdienstoffizier – und es gibt keinen verschlosseneren und zynischeren Beruf. Putin ist ein Realist, der engere Verbindungen zum Westen an verschiedenen Punkten seiner Karriere weitergetrieben hat. Ihm wird nachgesagt, er habe erklärt, dass «das Ende der Sowjetunion die grösste Katastrophe des letzten Jahrhunderts» gewesen sei. Er hat aber auch gesagt: «Jedermann, der das Ende der Sowjetunion nicht bedauert, hat kein Herz. Jedermann, der sie wiederherstellen will, hat keinen Verstand.» Alles, was man erkennen kann, ist, dass Putin Russlands Einfluss im Gebiet der ehemaligen Sowjetunion wiederherstellen will. Seine Einmischung ist aber beschränkt auf Regionen mit umstrittener oder vorhandener starker prorussischer Bevölkerung wie in Abchasien oder auf der Krim. Ich zweifle daran, dass er das Risiko einer direkten militärischen Intervention in den baltischen Staaten oder Kasachstan auf sich nehmen wird. Ich erwarte eher, dass Russland seinen Einfluss im ex-sowjetischen Raum aggressiv mit einer Mischung aus Politik, Wirtschaft und der Nutzung der Medien planen wird.

Ist ein neuer Kalter Krieg zu erwarten, wie gewisse westliche Politiker warnen?

Der Kalte Krieg war eine ideologische Trennung der gesamten Welt. In der heutigen neuen Welt ist jeder ein Teil der Globalisierung. Geld überquert alle Grenzen und die meisten Menschen in Russland und im Westen überqueren diese Grenzen ebenso. Das macht eine Konfrontation zwischen Russland und dem Westen weniger gefährlich. Wir haben aber viele Grauzonen wie in der Ukraine. Diese Orte sind Zonen der Konfrontationen, die am ehesten in der kommenden Ära verloren werden können – erst recht, wenn Donald Trump oder François Fillon (Anm. der Red: der Präsidentschaftskandidat der französischen Konservativen) versuchen, eine neue Politik der Annäherung an Putin zu verfolgen.

Was dürfen wir denn von der Zukunft im postsowjetischen Raum erhoffen?

Lenin sagte mal treffend: «Es gibt Jahrzehnte, in denen nichts passiert und Wochen, in denen Jahrzehnte passieren.» Wir dürfen sicher grosse Umbrüche und Überraschungen erwarten. Hoffentlich sind die mehrheitlich autoritär regierten Staaten wie Aserbaidschan, Usbekistan und Russland nicht Dampfkochtöpfe, in denen friedliche Veränderungen blockiert werden und sich der Wechsel durch Gewalt manifestiert.

Und die anderen Länder – auch Russland?

Zentralasien steht unter dem Einfluss Chinas wie auch Russlands. In der Ukraine, Moldawien und Weissrussland wird die EU zu einem ebenso wichtigen Faktor wie Russland. Der Kaukasus wird weiterhin eine Region mit mehreren Einflüssen bleiben, nicht nur Russlands, sondern auch der Türkei, Irans, der EU, der USA und Chinas. In den nächsten Jahren werden wir nicht nur eine Geschichte, sondern 12 verschiedene Geschichten sehen. Die rätselhafteste dieser Geschichten wird die von Russland selbst sein. Eines Tages wird das Land in einem Post-Putin-Zeitalter leben und sich an die Aspekte seiner Geschichte und Tradition erinnern, die es unter Putin vergessen hat; ich spreche von europäischen Traditionen wie dem Pluralismus. Aber Russland hat auch die Gewohnheit, eine historische Ära zu erleben, die lange Jahre oder Jahrzehnte dauert – mehr Jahre, als viele Menschen ertragen können, bevor Veränderungen kommen.