Das Papier des Umweltministeriums trägt den etwas scheinheiligen Titel «Aktionsplan zum Erhalt und zum Management des Wolfs in Italien». Zwar würden in der Tat die meisten der vorgesehenen Massnahmen dem «Erhalt» und der friedlichen Koexistenz zwischen Mensch und Wolf dienen. Aber am Schluss des Aktionsplans kommt dann eben doch der entscheidende Punkt, der in Italien seit Wochen zu reden gibt: In bestimmten Fällen soll der Wolf zum Abschuss freigegeben werden – zum ersten Mal seit 1971, als er in Italien unter absoluten Schutz gestellt worden war. Die Bejagung wäre nur bei Beständen erlaubt, die von der Grösse her als «zufriedenstellend» gelten, und ausserdem dürften jeweils höchstens 5 Prozent der betreffenden Population abgeschossen werden.

Die Pläne der Regierung, die morgen Donnerstag definitiv beschlossen werden sollen, haben bei Tierschützern und Umweltverbänden scharfen Protest ausgelöst. «Die Tötung von Wölfen ist sowohl aus moralischen als auch aus wissenschaftlichen Gründen vollkommen inakzeptabel», betont der Sprecher des Tierschutzverbands LAV, Massimo Vitturi.

Aufgrund des politischen Drucks des Kleinbauernverbands und der Jäger-Lobby mache die Regierung nun «einen Schritt zurück in die Vergangenheit». Die Bejagung des Wolfs löse keine Probleme. Viel effizienter seien Präventionsmassnahmen wie der Schutz der Nutztierherden durch Elektrozäune und der Einsatz von Schäferhunden. Die Viehzüchter und Schäfer verweisen dagegen auf die massiven Schäden, die in ihren Herden durch die Wölfe verursacht würden.

Bestand hat sich vervielfacht

Die Argumente der italienischen Wolfsfreunde und -feinde sind letztlich die gleichen wie jene ihrer schweizerischen und österreichischen Kollegen. Aber es gibt einen entscheidenden Unterschied: Während jenseits der italienischen Grenze die Wolfspopulationen kaum der Rede wert sind und in der Regel nur Einzelgänger für Aufregung sorgen, hat sich in Italien der Bestand seit 1971 um mindestens das 20-Fache erhöht: Von den noch etwa 100 Tieren, welche die zuvor gnadenlose Bejagung überlebt hatten, ist die Wolfspopulation in Italien gemäss Schätzungen des nationalen Forschungsinstituts Ispra im Jahr 2015 auf mindestens 2000 Tiere gestiegen. Es könnten aber, betont das Institut, auch deutlich mehr sein. In entsprechend anderen Dimensionen bewegen sich die Zahlen der gerissenen Schafe und Ziegen.

In Rom überfahren

Wölfe gibt es in Italien inzwischen fast überall – von der Stiefelspitze in Kalabrien bis in die Alpen des Piemonts und des Südtirols. Nur wenige Dutzend Kilometer hinter Rom streifen mehrere Rudel durch die Wälder der Sibillinischen Berge. Vor einigen Jahren ist ein Wolf auf der Ringautobahn Roms überfahren worden. Die Rückkehr des Wappentiers – die berühmte Wölfin, welche die Zwillinge Romulus und Remus gesäugt hatte – war für die meisten Bewohnerinnen und Bewohner der Ewigen Stadt ein Anlass zur Freude gewesen. Und das Bedauern war gross, dass «la lupa» ihre Annäherung sogleich mit dem Leben hatte bezahlen müssen.

Die spektakuläre Erholung des Wolfbestandes in Italien ist nur teilweise auf das Schutzprogramm zurückzuführen, das sich der Staat im Laufe der vergangenen 46 Jahre etliche Millionen Euro hatte kosten lassen. Der wichtigste Grund für die Ausbreitung des faszinierenden Jägers war (und ist) die Abwanderung grosser Bevölkerungsteile aus den Gebirgstälern des Apennins in die Industriegebiete Norditaliens: Waren nach dem Zweiten Weltkrieg noch 18 Prozent der Landfläche Italiens mit Wäldern bedeckt, sind es heute laut dem nationalen Forstinventar wieder 40 Prozent. Die Natur hat sich einen beträchtlichen Teil des Landes zurückerobert.

Der Tisch ist reich gedeckt

So ist der Apennin zum Paradies für Wölfe geworden – und nicht nur für sie: Auch die Bärenpopulation ist markant gestiegen. Der Tisch für die beiden grossen Landraubtiere ist reich gedeckt: Die Zahl der Hirsche hat sich in den letzten Jahrzehnten ebenfalls um 700 Prozent erhöht, jene der Wildschweine um 400 Prozent und jene der Rehe um 300 Prozent. Zusammengezählt tummeln sich in Italien knapp zwei Millionen dieser Beutetiere.

Selbst wenn man die massive «Entnahme» durch die Jäger berücksichtige, bleibe für die Wölfe und Bären immer noch jedes Jahr eine «Biomasse» von mindestens 20 000 Tonnen übrig, heisst es im Aktionsprogramm der Regierung. Das sei mehr als genug – und lasse für die künftige Wolfspopulation auch bei partieller Bejagung noch reichlich Luft nach oben.